Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Prophet zeigte dem Volke die stolze, lichte Höhe eines Lebens unter ü o 11 e s Herrschaft, aber er zeigte eben deshalb offen und öffentlich die Sünden des Volkes auf, damit das Volk sie erkenne und die inner e U m kehr im Angesichte (i o 11 e s und des Künders seiner Worte vollziehe. Wie verträgt es sich mit dieser jüdischen Tradition, das jüdische Volk mit dem Schlagwort niederzuhalten, man dürfe nicht reden, um sich nicht vor der Umwelt „bloßzustellen", um nicht die „Einigkeit" im Judentum „sichtlich" zu verletzen — wo sie in Wahrheit gar nicht besteht, da das Volk nichts weiß' da man mit ihm eben über grundlegende Sorgen und Hoffnungen nicht sprechen „darf"? Aber nicht nur Männer haben geantwortet, auch Frauen. Frau S. Sch. schreibt beispielsweise: „Die Frage 1 möchte ich vorbehaltlos bejahen. Ich erachte es nicht nur für wünschens-, sondern auch für erstrebenswert und notwendig, das Kennen- und Verstehenlernen der Juden mit Nichtjuden durch zwanglose und freimütige Aussprachen anzubahnen. Zur Frage 2: Ich halte es wohl für möglich, daß bei solchen Bemühungen der Versuch einer religiösen Bekehrung unterlassen werden kann, allerdings kann man die Absichten eines Menschen nicht erraten. Garantieren kann man nur für sich, nicht für den andern. Die dritte Frage kann man nicht schlechthin mit einer Verallgemeinerung beantworten, daß die Juden entweder zu viel oder zu wenig Selbstbewußtsein und Selbstverfrauen besäßen, da es viele Juden mit zu viel, noch mehr Juden mit zu wenig Selbstvertrauen gibt, aber auch solche — wenn auch wenige —, die sich weder unternoch überschätzen. Die richtige Einschätzung in allen Dingen ist meiner Meinung nach auch das Vorteilhafteste und Erfolgversprechendste, sowohl für den Einzelnen, wie für ein Volk! Zur Frage 4 muß ich mich leider etwas skeptisch äußern, da ich die Möglichkeif, den Juden neue Berufe in der herrschenden Weltkrise zu erschließen, bezweifle oder zumindest für wenig aussichtsreich halte; die Schwierigkeiten bestehen ja übrigens auch für Nichtjuden. Dessenungeachtet muß ich es als gute Jüdin für wünschenswert ansehen, um der Selbsterhaltung willen den Kampf ums Dasein nicht aufzugeben und nichts unversucht zu lassen, der Jugend Erwerbs- und Existenzmöglichkeiten zu schaffen, am besten im Einverständnis mit der Umwelt, sowohl jüdischer, wie nichtjüdischer, und das wäre nicht unmöglich, wenn man nur ernstlich wollte! Ad 5: Die parteimäßige Verschiedenheit der Einstellung des Einzelnen müßte vor dem Wohle der Gesamtheit zurücktreten. Frage 6 will ich auch zur Gänze im bejahenden Sinne behandelt wissen, aus der Erkenntnis heraus, daß ein reicheres Wissen und die Kenntnis der Geschichte des eigenen Volkes ein sichereres Auftreten und zielbewußteres Streben verleihen." Manche Zuschriften befassen sich in weitgehender Weise mit konkreten Wünschen bezüglich Ausgestaltung und Intensivierung der von uns mitgeteilten und geförderten Tendenzen. So schreibt Kommerzialrat Maximilian Prager: „In Deutschland haben vor dem Kriege nahezu allmonatlich .zwanglose Aussprachen' zwischen Juden und Nichtjuden stattgefunden, die tatsächlich ,ein besseres wechselseitiges Kennenlernen und Verstehen' zeitigten! Leider haben Hitler und Konsorten abei durch zähe Wühlarbeit — nach dem Kriege — die so schwer erzielte Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden durch den schroffsten Antisemitismus und Rassenhaß fast völlig vernichtet!" Die Nachkriegszeit fand eben ein jüdisches Geschlecht, das eine wirklich jüdische Führung nur für den Palästinaaufbau selbst gelten lassen wollte siehe den Beschluß des ersten Zionistenkongresses nach dem Kriege im Jahre 1921 in Karlsbad und auch diese Führung führt nicht, sondern betreibt mehr als zulässig interne Vereinspolitik, Ghettopolitik. Das jüdische Nachkriegsdeutschland hatte viele jüdische Persönlichkeiten von Format hervorgebracht, aber kein Interesse für konstruktive jüdische Politik in Deutschland selbst. Daher ruft der Einsender aus: „Trotzdem wäre es sehr (dieses Wort ist vom Einsender doppelt unterstrichen) zu begrüßen, wenn zumindest vorläufig in Wien, unter Ihrer Initiative, recht bald ganz .zwanglose Aussprachen' zwischen Juden und Nichtjuden beginnen würden. Ich könnte mit einer Auswahl geeigneter Persönlichkeiten dienen." Der letztgenannte Einsender hat den Sinn einer Zusammenarbeit zwischen Juden und Nichtjuden, die Gewinnung n i c h t j ü d i s c h e r B u n d e s g enossen und M i t k ä m p f e r, ei faßt, wobei eben das jüdische Selbstvertrauen grundlegend ist, das Vertrauen darauf, daß auch die jüdische Gemeinschaft, obwohl sie nur eine „Minderheit" ist, einen Wert als mitbauender, aufbauender Bundesgenosse besitzen kann. Wichtig ist die Betonung, die alle Einsender ausnahmslos auf jüdische Bildung legen. Wir betonen: wirkliche Bildung, nicht nur im traditionellen Judentum, sondern auch im lebendigen heutigen Judentum. Wie überall, gilt es auch für uns Juden: Geht zum Volk, horcht auf seine Sorgen und Wüns c h e, auf seine Ho f f n u n g e n u n d a u f seine S e h n sucht! Es ist immer Sache des Führertums gewesen, den Namen und den Weg zu finden, den das Volk in seinem dunklen Drange nicht nennen kann, den es aber erstrebt. Der Wert dieser Auswahl aus den uns zugegangenen Zuschriften die Einsender mögen uns Kürzungen und NichtVeröffentlichungen aus Platzmangel verzeihen wird dem Leser ohne weiteres klar werden. Der Jude hat sich, wie eine Zuschrift sagtverängstigt aus der Oeffentlichkeit zurückgezogen und sehnt sich wieder nach frischer Luit, er will heraus aus einem plötzlich über ihn neu verhängten geistigen Ghetto. Er will wieder ganz und unbedingt Jude sein, aber nicht isoliert, sondern in ungezwungenem Leben mit der Umwelt. Er will als Jude bestehen und will sich als J u d e durchsetz e n. Dazu, Ihr Führer, zeigt ihm den Weg! Denn das wollen die Juden und nichts anderes! Und deutlich sei es gesagt: Es ist nicht Sache der Führer, Wege zu sperren, sondern Wege zu zeigen. Wird man uns endlich verstehen? Das jüdische Volk versteht sehr wohl! Das wollten wir für diesmal b ew eisen. 3