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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-02-01 · 15 (Februar 1935) · p. Seite 33

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
15 (Februar 1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 33 (sequence 35)
Language
German
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HcuiSah&L Ein Wort über Sport In ungeahntem Maße ist es dem Sport gelungen, Liebe und Interesse unserer Jugend zu gewinnen. Ohne Rücksicht auf soziale Schichtung, auf Bildungsniveau und Bildungstradition, ja beinahe ohne Rücksicht auf Altersstufen, hat er sich in den Mittelpunkt ihres Denkens gestellt. Sportausdrücke, noch vor wenigen Jahren von wenigen nur verstanden und gebraucht, sind heute zu landläufigen Begriffen geworden, deren Unkenntnis einen Buben oder ein Mädel glatt zum Außenseiter stempelt; entstammen doch auch die meisten Vergleiche, deren sich unsere Jugend bedient, der „Sportsprache". Darüber zu rechten, wäre eine ebenso müßige Sache, wie über die Notwendigkeit eines Naturgesetzes zu diskutieren, das nun einmal besteht; — man kann es zu erklären versuchen, aber man kann nicht über seine Berechtigung sprechen. Ich wäre auch ein schlechter, ganz unmoderner Arzt, wenn ich die ungeheuren Verdienste, die sich der Sport sei es welcher immer — um die Jugend erworben hat, verkennen und wenn ich die ganze große Sportbewegung unserer Zeit nicht begeistert begrüßen würde. Ich wäre aber auch ein schlechter, weil gedankenloser Arzt, wenn ich blind und stumm an manchem vorübergehen würde, was mir auf Schritt und Tritt begegnet und die Kritik über das Thema „Sport und Kind" herausfordert. Die Aufgabe des Sportes ist es, Kraft, Gesundheit, Geschicklichkeit aus dem Körper herauszuholen und auszubilden; es wäre eine Verkennung der Tatsachen, wollte man annehmen, daß dies den Menschen rein körperlich schult. Geistesgegenwart, Entschlußfähigkeit, blitzartiges Verständnis für plötzlich eintretende Situationen, also rein geistige Kräfte müssen dem Sportler ebenso zur Verfügung stehen, wie körperliche. Seelische Anspannungen aller Art arbeiten in ihm: man muß nur dem Radio-Berichterstatter eines großen Fußballmatches zuhören, um zu erkennen, wie aufregend manche Situationen selbst auf den nicht unmittelbar Beteiligten wirken. Ist es also ein Wunder, wenn eine solche Verquickung körperlicher, geistiger und seelischer Kräfte unserer Jugend als Höhepunkt, als Inkarnation alles Männlichen imponiert? Dabei gerät es vollkommen in Vergessenheit, daß Sport ein Gesund e r h a 11 e r sein soll. Nun braucht aber jeder Mensch etwas anderes für seine Gesundheit; wenn sich auch allgemeine Normen aufstellen lassen, Binsenwahrheiten, wie etwa, daß Bewegung in freier Luft gesund sei, so ist doch der Sport ein viel zu umfassender Begriff, als daß es geeignet schiene, jeden Jungen und jedes Mädchen wahllos jeden Sport Von Dr. Oskar Loewy, Facharzt für Kinderkrankheiten, Wien. niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiitiiiiiiiiiiriiiiiiiMiif ■■■iiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiniiiitiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiti iniiiiii iiiiiiiniiFi im treiben zu lassen, nur um eben Soprt zu treiben. Das Kind in seinem Wachstum, seiner Entwicklung, muß noen viel individualisierender betrachtet werden als der Erwachsene. Jeder Lehrer, jeder Schularzt, der eine Klasse betritt, kann sich täglich von den unerhörten Entwicklungsunterschiederl von zum Beispiel 13 jährigen Kindern überzeugen. Es gibt da Größen- Unterschiede bis zu 20 cm, es gibt da junge Männer, die ganz beträchtliche Schnurrbartentwicklung zeigen, neben durchaus infantilen richtigen „Buberln" —/ alle in einem Alter. Es gibt in derselben 4. Hauptschulklasse „Fräuleins", die man mit der Klassenlehrerin verwechseln könnte, neben richtigen kleinen grünen Fröschlein. Und wenn man erst diese Kinder ausgezogen betrachtet, was gibt es da für Unterschiede: enge, rhachitische neben hochgewölbten Brustkasten, Hühnerbrust neben Trichterbrust. Rundrücken, Schiefwuchs neben tannengerade Gewachsenen, muskelschlaffe, vorgewölbte Bäuche neben eingezogenen; ganz abgesehen von den Unterschieden im Fettpolster, in der Muskelentwicklung. Und all diese verschiedenartig entwickelten, gewachsenen, ernährten jungen Menschen stecken sich gegenseitig mit ihrem Sportenthusiasmus an, sie stacheln sich gegenseitig zu immer höheren Leistungen an, die aber oft ihrer derzeitigen Körperentwicklung oder ihrer Veranlagung durchaus entgegengesetzt sind. So ist es dann nicht erstaunlich, daß das Resultat eines solchen n u r sogenannten Sporttreibens eine übergroße Ermüdung darstellt, eine Abspannung, die das Kind m omentan gar nicht spürt, die sich dann mit der Zeit erst rächt, wenn sie nicht mehr „männlich" unterdrückt werden kann, und durch Appetitlosigkeit, unruhigen oder zu oberflächlichen Schlaf, Abmagerung, Reizbarkeit, schlechte Schulerfolge in Erscheinung tritt. Es ist das Bild des „nervösen Kindes", das der Kinderarzt immer häufiger antrifft. Daß da eine rein medikamentöse Behandlung nicht anders wirkt, wie wenn man in einen durchlöcherten Topf Wasser gießen wollte, ist klar; es hilft nur — und was noch wichtiger ist — es beugt dem nur vor ein am besten vom Arzt vorgeschriebenes Maß an Sport, der körperlichen Individualität des betreffenden Kindes entsprechend; zu jeder richtigen Sportausübung gehört aber für den in der Entwicklung stehenden Körper auch das richtige Maß an Ruhe, eine tägliche Liegestunde, eine pünktlich geregelte Zeiteinteilung, vor allem aber ein — frühzeitiges Schlafenlegen. Der Körpeer arbeitet, er braucht Ruhe, die Muskeln sind angespannt, sie brauchen Entspannung, der Geist ist ermüdet, er braucht Ausschaltung, er braucht Schlaf, sonst wirkt der Sport 33

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