Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 15 (Februar 1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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sinn- und zweckwidrig; nicht gesundheitsfördernd, sondern durchaus schädlich. Es ist Pflicht der Eltern, der Erzieher und der Jugendsportleiter, darauf zu achten und auch mit Strenge dafür zu sorgen, daß sich die Jungen und Mädchen nicht ruinieren und noch überdies die so begrüßenswerte Sportbewegung in Mißkredit bringen. Aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ muß der Sport dem einzelnen Kinde oder Jugendlichen angepaßt sein. Für das Schulkind, das stundenlang mit mehr oder weniger gebeugtem Rücken sitzt, wird es sicher nicht angebracht sein, in der F r e izeit etwa radzufahren, also wieder stundenlang zu sitzen, wenn es auch dabei die Beinmuskel kräftigt. Schwimmen, Eislaufen, Skifahren, die diversen Ballspiele und Tennis werden da mehr am Platze sein. Ein Kind mit schmalem Brustkorb (Hühnerbrust etc.) wird man mit bestem Erfolg dem Schwimmsport zuführen, da durch die weit ausholenden Armtempi die Brust regelmäßig gedehnt wird. Kinder mit schwacher Beinmuskulatur wird man Fußball spielen, Eis- und Ski. laufen und wandern lassen; hapert es an den Armmuskeln, wird etwa Handball, Tennis und wieder Schwimmen der Sport der Wahl sein. Die so häufigen Schiefwuchse, Rundrücken, Fehlhaltungen sollen vor allem schwimmen und skilaufen, wodurch der Rücken gestreckt, die Wirbelsäule in symmetrische Lage gebracht wird; überhaupt stellt Schwimmen für den innerlich gesunden Organismus den idealen Sport dar. Für den Lehrling, der etwa im Stehberuf (Friseur, Schlosser etc.) tätig ist, erscheint der Radfahr- oder Rodelsport durchaus empfehlenswert. Natürlich kommt es auch darauf an, ein Kind weder zu früh noch zu spät dem Sport zuzuführen. Mit 5—6 Jahren soll — Gesundheit vorausgesetzt — eine zirka dreistündige Wanderung durchgeführt werden, wozu natürlich allmähliches Training gehört; jede Uebermüdung ist zu vermeiden, da sie nicht nur das Kind körperlich schädigt, sondern auch zum Sport unlustig macht. Es ist traurig, zu sehen, wie hundemüde kleine Kinder viel zu spät abends, halb schlafend nach Hause gebracht werden. Ein Alter von 5—6 Jahren ist auch der Zeitpunkt, zu dem das Kind dem Schwimm- und Eislaufsport zugeführt werden soll, woran sich nach ungefähr zwei Jahren das Skilaufen anschließen läßt. Eines soll aber immer die Richtschnur bleiben: Sport soll gesund erhalten! Soll gesünder machen! Dies gelingt aber nur, wenn er nicht „wild", gedankenlos und schematisch, sondern beaufsichtigt, planmäßig und vernünftig individualisierend geboten wird. PIHI®IL©©DSCIKI Was ist Güte? Geleitet von Alfred Kanfer Von Alfred Kanfer Es gibt in der Schrift Zeichen für Güte und Zeichen für Egoismus, Zeichen für Treue und für Untreue, Zeichen für Anständigkeit und für Unanständigkeit. Die Graphologie braucht nur diese diversen Zeichen auswendig lernen und ersieht sofort aus der Schrift den Charakter des Menschen. So oder ähnlich stellt sich der Laie die Arbeit des Graphologen vor. Aber ein kleines Beispiel hier zeigt uns, daß diese Arbeit gar nicht so einfach ist, daß es überhaupt keine „Zeichen" für diese oder jene Eigenschaft geben kann, obwohl dies eine Reihe von graphologischen Lehrbüchern behauptet, daß hier ein ungemein schwieriges Kombinationsverfahren nötig ist, um irgend eine Eigenschaft zu ermitteln. Ist der Urheber einer Schrift herzensgut oder egoistisch? Dies ist eine von den vielen Fragen, die der Graphologe in jeder Schriftanalyse zu beantworten hat. Bevor er sich jedoch mit der Frage beschäftigt, ob und wie die Schrift Herzensgüte verrät, muß er sich erst mit der Frage beschäftigen: Was ist Herzensgüte, was ist Egoismus, was sind ihre Voraussetzungen? Die Frage ist absolut nicht einfach. Viele Menschen werden von der einen Hälfte ihres Bekanntenkreises als gut, von der andern als egoistisch bezeichnet. Es können hier beide Gruppen recht haben. Der betreffende Mensch mag vielleicht wirklich zur einen Gruppe aufopfernd gut, zur anderen rücksichtslos egoistisch sein, je nach seiner Einstellung zu den betreffenden Menschen. Gibt es demnach eine absolute Bewertung von Güte? In dieser Hinsicht sicherlich nicht. Der Charakterologe, der darüber ein objektives, absolutes Urteil geben soll, kann mit diesen Begriffen in der allgemeinen volkstümlichen Form nichts anfangen. Er muß auf die Urelemente dieser Eigenschafts~g nippen zurückgreifen. Die allgemeinste Voraussetzung der Herzensgüte ist die Eindrucksfähigkeit, die Empfindsamkeit, die Fähigkeit, mitzuempfinden. Je stärker diese entwickelt ist, umsomehr wird einen fremdes Leid bewegen und zur Hilfe anregen. Aber dieses Mitfühlen kann von langer oder kurzer Dauer sein. Der eine wird schnell gerührt sein, aber rasch wieder vergessen, sich rasch wieder darüber hinwegsetzen, ohne etwas getan zu haben. Er wird es beim bloßen Mitgefühl bewenden lassen. DL' Ursache dessen kann aber auch in bloßer Bequemlichkeit liegen, es kann bei allem Mitgefühl die Energie zu wirklichen Opfern fehlen. Die Stärke und Andauer von Empfindungsfähigkeit und die Energie sind aber bereits individuell verschiedene, angeborene Charakter-Urelemente, die sich mit objektiver Sicherheit aus der Schrift erkennen lassen. Man findet zum Beispiel in Vereinen und Wohltätigkeitsinstituten viel aufopfernd hilfsbereite Menschen, die man allgemein als gut bezeichnet. Der Graphologe wird aber in der Schrift oft nichts als starkes Geltungsstreben finden. Wieder andere Menschen werden als gut bezeichnet, denn sie können niemandem einen Wunsch abschlagen, geben immer nach. Aber die Schrift zeigt hier oft, daß gar kein tiefes Mitempfinden vorhanden ist, daß sie dessen gar nicht fähig sind; es wird das, was allgemein als Güte bezeichnet wird, in der Schrift nur als Willensschwäche aufscheinen. Der Graphologe kann sie dann durchaus nicht als gut bezeichnen. Der eine hat Vertrauen zu seiner Kraft und Fähigkeit, sich immer erhalten zu können, er wird aus Optimismus leichtsinnig sein, wird auch einem anderen etwas zukommen lassen. Der andere wieder ist furchtsam, hat Angst, selbst in Schwierigkeiten zu geraten, wird ängstlich jeden Groschen zusammenhalten. Man wird den ersten als gut, den zweiten als Egoisten bezeichnen. Aber die Schrift zeigt hier nur den Optimisten, dort den Pessimisten. Doch eine Lehre läßt sich aus diesen Beispielen mit unbedingter Sicherheit ziehen: Man soll nicht vorschnell Werturteile über den Nebenmenscher fällen! 34