Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 15 (Februar 1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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geistigten, feinnervigen, modernen Frau, sich 11 i c h t überbrücken ließen. Endlich, als reife Frau von 37 Jahren, hatte Rahel das Glück, den Mann zu finden, welcher sie mit dem vollen Verständnis für ihre Persönlichkeit liebte und unter dessen zartfühlender Fürsorge sich diese in Frieden entfalten konnte. Der um 14 Jahre jüngere Varnhagen von Ense war, bei all seiner hohen Intelligenz, eine ausgesprochen rezeptive Natur und dadurch der geborene (iatte einer bedeutenden Frau. Und auch der richtige Partner für Raheis Lebensberuf: dem Salon als Sammelpunkt großer Geister. Rahel hat zweimal einen Salon gehabt; die Unterbrechung brachte das Unglücksjahr 1806, welches die Mitglieder des ersten Salons — es waren dies unter anderm die drei Brüderpaare Schlegel, Tieck und Humboldt, Schleiermacher, Fichte, zu dessen begeistertsten Anhängern sie gehörte, Gentz, Fouque und Prinz Louis Ferdinand, vorübergehend auch Kleist in alle Winde zerstreute. Auch der Prinz von Ligne gehörte diesem Kreis an, der ein Meister jenes Gesellschaftstons des „ancien regime" war, welcher auch Raheis Ideal für den Verkehr darstellte. Ihre Kunst bestand vor allem in der Einfühlungsgabe in jede Individualität, ohne ihre eigene dabei irgendwie beeinträchtigen zu lassen. „Ich bin die einzige, die da meint...", sagt sie einmal selbstbewußt. Sie ist immer aufs äußerste konzentriert, immer bereit, Ideen aufzunehmen, und versteht es wunderbar, durch einzelne, blitzartig eingestreute Bemerkungen eine Konversation zu beleben oder in die richtigen Bahnen zu lenken. Sollte einmal eine Mißstimmung aufkommen wollen, so ist sie durch ihr feines Taktgefühl und ihre Geschicklichkeit sofort behoben. Auch in der Zusammenstellung der Gesellschaften ist sie vorsichtig. Es verkehren nicht nur alle hervorragenden wissenschaftlichen, literarischen und künstlerischen Größen bei ihr, sondern auch die schönsten und reizvollsten Frauen. Doch wollte sie nie mehr als zwei solche am selben Abend bei sich sehen, denn sie wußte, daß zwei Schöne anregend, hingegen eine größere Anzahl störend auf den Inhaltsreichtum der Gespräche wirken konnten. Sie findet auch, daß man nur wirklich mit einem Menschen beisammen ist, w enn man mit ihm allein ist. Und mitten in einer größeren Gesellschaft versteht sie es, wenn ihr daran gelegen ist, mit einem Menschen allein zu sein. Die Atmosphäre, die Rahel umgab, war ungemein seelenvoll und unterschied sich dadurch wesentlich von derjenigen der französischen Salons. Bezeichnenderweise sagt sie über Madame Stael, eine der Hauptvertreterinnen derselben: „Verstand hat sie genug, aber keine horchende Seele; nie ist es still in ihr, nie wird es Musik." Hingegen sagt Heine über Rahel, zu deren zweitem Salon er gehörte, er brauchte nur, wenn er von ihr getrennt war, ihren Namen auszusprechen, um heiter und wohlgestimmter zu werden. Einen ganz besonderen Platz nimmt G o e t h e in Raheis Leben ein, obwohl sie nur gezählte Male mit ihm beisammen war. Er ist ihr Heiligtum, ihr Ideal, und sie eine der ersten, die ihn wirklich verstanden haben „Man kann nicht lieben, ohne Goethe zu lieben: er ist das Ideal, durch wirkliche Mittel dargestellt: das Leben selbst." Und als sie den Dichterfürsten im Jahre 1825 mit Varnhagen in Weimar besucht und ihn dabei zum letztenmal gesehen hat, schließt sie die Schilderung des Besuches mit den Worten: „Uebrigens fließt er wahr und wahrhaftig in meinem Blut." (ioethe sagt einmal über sie: „Sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte; man fühlt sich, je näher man sie kennen lernt, desto mehr angezogen und lieblich gehalten." Und ein anderes Mal nennt er sie „eine merkwürdig auffassende, vereinende, nachhelfende Natur... Sie urteilt nicht, sie hat den Gegenstand, und insofern sie ihn nicht besitzt, geht er sie nicht an.-' In der Philosophie ist sie überzeugte Anhängerin von Fichtes Individualitätslelire und Spinozas Pantheismus. Mit diesem leugnet sie die Freiheit des Willens und meint hiezu: „Frei sein kann nichts anderes heißen, als seiner innersten Natur sklavisch folgen zu dürfen." Und ein anderes Mal: „Nur durch Miteinsicht (in den göttlich gelenkten Weltenlauf) erahnden wir Freiheit." Wie sc viele bedeutende Persönlichkeiten, war Rahel eine tief gläubige Natur, ohne sich der Dogmatik der einen oder anderen Religion anzuschließen. Sie hatte ihre eigene Religion und fand überall ihre Kirche. „Der göttlich gelenkte Weltverlauf" standfest für sie, das Leben, die Bewegung, die Entwicklung war ihr das Höchste, Heiligste, und gerade deshalb wollte sie es nicht in ein enges System gepreßt sehen. Ihrer innersten, religiösen Ueberzeugung gibt sie wenige Tage vor ihrem Tode Ausdruck: „Je mein Leben einer Ueberzeugung innewohnt, je tiefere und reichere Beziehung sie hat, je mehr sie unseren Anlagen zusagt und entspricht, je schwerer ist das gerade als eine Maschinerie zusammenzufassen und darzustellen: Jedes System aber will zur Maschine werden. Nur ein groß und lebendig Organisiertes gibt es: die erschaffene, sich noch erschaffende Welt!" Sie glaubt auch nicht an den Sündenfall, den sie einen für „Gott beleidigenden Irrtum" nennt. Rahel Varnhagen, welche in allen ihren Vorzügen, Größen und Schwächen eine echt jüdische Frau gewesen ist (der Uebertritt zum Christentum anläßlich ihrei Verheiratung war für sie nur eine Aeußerlichkeit), hat lange Zeit schwer darunter gelitten, eine Jüdin zu sein und alle ihre Hemmungen, ihre „quälerische Schüchternheit", das Unglück ihrer Jugend, darauf zurückgeführt. Interessant ist, daß sie mit den Jahren ganz von dieser Ansicht loskommt und am Ende ihres Lebens stolz auf ihre Rasse ist und die folgenden, schönen Worte findet: ,,Mit erhabenem Entzückendenk ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge, die w eitesten Zeit- und Rauinformen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, als eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht' ich das jetzt missen." Trude Kandk 21