Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 15 (Februar 1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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ISÄBflil VOM WAM M MÄ© 1 M Mit Selinsucht blicken wir modernen Menschen oder w enigstens die Innerlicheren unter uns aus unserer gehetzten Zeit, der nichts so sehr wie die „Zeit zum Leben" fehlt, oft in jene Epoche zurück, die darüber wie vielleicht keine andere verfügte und dies in einer überaus anregenden, Geist, Anmut und Behagen verbreitenden Geselligkeit zum Ausdruck brachte. Es ist die Zeit der großen deutschen Klassiker, des Weimarer Kunstzentrums am Hofe Karl Augusts und der großen Berliner Salons, deren größten die bedeutendste jüdische Frau innehatte: Rahel Varnhagen. Bezeichnend für die Wirkung dieser einzigartigen Frau ist der Bericht Grillparzers über seine Begegnung mit ihr: „Varnhagen ging mit mir nachhause. Als wir au seiner Wohnung vorüberkamen, meinte er, er wolle seiner Frau — jener später berühmten Rahel, von der ich aber damals nichts wußte — meine Bekanntschaft verschaffen. Ich hatte mich den ganzen Tag herumgetrieben und fühlte mich müde bis zum Sterben, war daher herzlich froh, als man uns an der Haustüre sagte, die Frau Legationsrätin sei nicht daheim. Als wir aber die Treppe hinuntergingen, kam uns die Frau entgegen und ich fügte mich in mein Schicksal. Nun fing aber die alternde, vielleicht nie hübsche, von Krankheit zusammengekrümmte, etwas einer Fee, um nicht zu sagen einer Hexe ähnliche Frau zu sprechen an, und ich war bezaubert. Meine Müdigkeit verflog oder machte vielmehr einer Trunkenheit Platz. Sie sprach und sprach bis gegen Mitternacht und ich weiß nicht mehr, haben sie mich fortgetrieben oder ging ich von selbst fort. Ich habe nie in meinem Leben interessanter und besser reden gehört!" Rahel hatte eine an Schmerzen und Enttäuschungen reiche Jugend gehabt, deren Nachwirkungen sie wohl zeitlebens gespürt hat. Doch vermochte dies ihrer fanatischen Lebensbejahung und ihrem glühenden Optimismus für andere nicht viel anzuhaben; nur für sich selbst verzagte sie oft. Als älteste Tochter des Bankiers Levin-Markus würde sie am 19. Mai des Jahres 1771 geboren. Sie war ein schwaches, kränkliches Kind, das sehr unter der engherzigen, verständnislosen Mutter und dem harten und rücksichtslosen Vater litt. Besonders war es ihr unerträglich, daß der Vater, dessen Haus wegen seines Witzes und seiner glänzenden Intelligenz von einem auserwählten Gesellschaftskreis frequentiert wurde, mit den schon in der frühesten Jugend hervorstechenden, blendenden Geistesgaben der Tochter, ihren verblüffend gescheiten Aussprüchen paradieren wollte, um seinen gesellschaflichen Einfluß zu verstärken. Instinktiv spürte das Kind die ungünstige Wirkung auf seine Entwicklung und setzte sich mit der Macht der aufkeimenden Persönlichkeit zur Wehr. Da die Oberhoheit des Hausvaters damals sowohl in jüdischen wie in christlichen Familien ein unangetastetes Dogma und dieser Vater ein Despot war, der keinen Widerspruch duldete, kann man sich die Leiden der jungen Rahel vorstellen, deren innerstes Wesen in der ausgeprägtesten Selbständigkeit lag. Sie sagt später, daß „ihr rauher, strenger, heftiger, genialischer, fast toller Vater" ihr „jedes Talent zur Tat zerbrach, ohne solchen Charakter schwächen zu können." Zum Weibe herangeblüht, erwarteten das übersensible Mädchen zwei weitere, bittere Lebenserfahrungen. Sie, die in der Freundschaft mit den bedeutendsten Männern der Zeit so glücklich war, mußte in der Liebe zuerst die schwersten Enttäuschungen erleben. Ihre erste Herzensneigung galt dem schönen jungen Grafen Karl von Finckenstein, dessen vielseitige Bildung, Natursinn, Empfindsamkeit und vor allem Goethebewunderung Rahel an eine tiefe Seelengemeinschaft zwischen ihnen glauben ließen. Doch nur zu bald wich das Glück der ersten Verlobungszeit bitteren Leiden. Finckensteins Familie hetzte in kleinlicher Eifersucht gegen Rahel, insbesondere als Jüdin, und der charakterschwache Bräutigam war dem nicht gewachsen. So wurde Rahel geopfert und mußte unter Schmerzen dem Manne entsagen, der ihrer nicht würdig war. Noch schmerzlicher war die nächste Enttäuschung, da der spanische Legationssekretär in Berlin, Don Raphael d' Urquijo, die große Liebe in Raheis Leben war, jene Liebe, für die, wie Ellen Key sagt, ,,jede frühere nur Vorbereitung und jede spätere nur Nachklang ist". Und weil die Leidenschaft diesmal in ihrer eigenen Flamme zu Asche verbrannte, da die Inkongruenz der Charaktere, des feurigen und bis zum Wahnsinn eifersüchtigen Südländers, der ganz andere Vorstellungen von den Frauen hatte, und der durch- 20