Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 15 (Februar 1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Josef Fränkel: Richard Beer-Hofmann Einst, vor vielen Jahrzehnten, es war an einem Winterabend, heulte draußen der Wind und es blinkten die Sterne aus der frischen weißen Schneedecke zum Himmel empor. Und das Licht der Sterne der Erde und des Himmels vereinigten sich. Drinnen waren lustige Abende. Herren und Damen in festlichen Kleidern. Bewegung und Stimmung. Beer- Hofmann aber suchte die Einsamkeit und saß in einer Ecke allein und verlassen. Er betrachtete den Himmel und die Schneemassen. Plötzlich packte und fesselte ihn irgend ein Etwas. Was war es, das ihn so beengte und bedrängte? Ein Lied! Nichts als ein biblisches Lied, das aus irgend einem Zimmer oder gar vielleicht von der Straße her, getragen vom Schneesturm zu ihm drang. Strophen und Verse biblischen Inhalts umflatterten ihn im rhythmischen Tanz und machten seine Ohren trunken. Ja, er sieht sie, sie, die Helden des Liedes, in Judäa und in Galiläa. Es tauchen die Söhne Israels bis auf Boas und Ruth und Isai, den Vater Davids, auf. Immer mehr und zahlreicher werden die plastischen Erscheinungen. Könige, Priester, Leviten, Krieger und Tempeldiener erscheinen. Und dann schaut er Städte und Dörfer, erscheint ihm Beer-Scheba, Hebron, Beth-El und Gilboa. Das alte Palästina, alles spricht zu ihm, er hört die Stimmen des Quells, des Steins, der Erzengel, er erkennt die Gestalten und lauscht den Worten Jaakobs, Edoms, Sauls, Ruths und Davids. ' Und als Beer-Hofmann wegeilte, begleiteten ihn Musik und Lied. Oder waren es die Strahlen der Schnee- und Himmelssterne? Seit diesem Ereignis wurde Beer-Hofmann „der Beer-Hofmann". Ein zweiter Beer-Hofmann war geboren, der Dichter Beer-Hofmann, der sich im Kreis der Patriarchen, Priester und Könige bewegte, mit ihnen lebte und sie mit ihm. Das war seine Vision, die Erscheinung, die ihn zum unsterblichen Dichter und Dramatiker berief. Literaturhistoriker in der Literaturgeschichte und Universitätsprofessoren bei den Vorlesungen nennen Beer-Hofmann einen „repräsentativen Vertreter der neuromantischen Generation". Beer-Hofmanns Größe besteht darin, daß er seine Anregungen aus der Religion schöpft und daß er Ideen und Geschichte in höchster dramatischer Vollendung veranschaulicht. Er ist ein wirklich schöpferischer Dichter mit einzigartigem künstlerischen und dichterischen Schwung und Ausdruck. Ein Aesthet, der Verse und Gedichte formt, eine festgefügte Persönlichkeit, die wunderbare Novellen schafft und ein dichterisches Genie mit plastischer Phantasie, das Dramen in antiker Pracht aufbaut. Wenn Beer-Hofmann n u r das „Schlaflied für Mirjam" oder nur die „Novellen", nur den ,,Graf von Charolais" veröffentlicht hätte, er wäre schon allein durch eines dieser Kunstwerke in die Literaturgeschichte aufgenommen worden. Aber sein Bestes, „Jaakobs Traum", als Vorspiel zum Zyklus von drei biblischen Dramen, und sein jüngst erschienenes erstes dieser Dramen, „Der junge David" mit diesen Werken gehört er der Weltliteratur an. Jahrzehnte werden verstreichen. Manche Dichter, deren Werke durch erfolgreiche Aufmachung bekannt wurden oder in glänzender Rollenbesetzung Serienaufführungen erzielen konnten, wird man bald vergessen haben. Sie werden von der Bühne und aus der Literaturgeschichte verschwinden und im Gedächtnis der Menschen ausgelöscht sein. Beer-Hofmann und seine Werke werden ewig bleiben, auf der Bühne, in der Geschichte und im Gedächtnis der Menschen, weil sie eben wirkliche Gestaltungen, Dramen von Eigenwert sind. Beer- Hofmann ist einzigartig und wir Juden dürfen stob, sein, daß er als ein Volljude zu den großen Dramatikern der Zeit gehört. Einen zweiten Beer-Hofmann sehen wir weder bei Juden noch bei Nichtjudeu. Jede Figur seiner Dramen ist eine besondere Gestalt, im klassischen Stile Schillers geformt, die jede allein Motive zu einem neuen Drama bieten könnten. Sogar Episodenhandlungen wirken als geschlossenes Ganzes., als Drama für sich. Und trotzdem bleibt das Ganze ein einheitliches Drama. Der Paul seiner Novellen, der rote 11 z i k, der J a a k o b, der S a u 1 oder der David seiner Dramen und seiner Trilogie zur 14