Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 15 (Februar 1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Erwin Hamburger: tfusewMßt&eit ■iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiaiin......i!igifiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiBfiiaiiitiiissi:iii>iiiiiiiiaMEiie:siiiiiiiiiiiiiiiiiiEfiiiiiiRiiiG2iieiiiiiiiiiiiiiiiiiaiiiiiiiiiiiiiiciii£iiiitiiii „Gepriesen seist Du, Herr, daß Du uns gesegnet vor allen Völkern und uns die Thora gegeben hast!" Dieser Lobspruch, der den Grundsatz und den Inhalt der jüdischen Auserwähltheit festlegt, erhält, aus dem Munde eines um seiner Lebensauffassung willen so stark gedemütigten Volkes kommend, etwas rührend Inniges. Jedes Volk, das den Anspruch erhebt, eine Rolle in der Weltgeschichte zu spielen, hat in dem Gedanken der Auserwähltheit eine Begründun»- für sein Wirken gesucht, und insofern hat diese Idee nichts Absolutes an sich, sondern ist relativ zu werten. Nicht eine, objektive Tatsache, sondern ein subjektives Gefühl wird durch die These der Auserwähltheit ausgedrückt. Diese These stellt eine verpflichtende Aufgabe dar, eben die Aufgabe, die sich das betreffende Volk gestellt hat, und es kommt darauf an, welche Folgerungen die Volksgenossen aus dem Gefühl der Auserwähltheit ziehen. Wo solche Konsequenzen als Diffamierung oder gar als Unterdrückung anderer Nationen gezogen werden, da ist der ethische Gehalt der Auserwähltheit objektiv »eschen — so gering, daß auch das subjektive Gefühl, auserwählt zu sein, einer Revision bedarf. Denn darauf kommt es bei aller Subjektivität des Gefühles von der Auserwähltheit letzten Endes doch an, daß die diesem Gefühle zugrundeliegende Aufgabe nach einem objektiven ethischen Maßstabe meßbar ist. Wenn also das jüdische Volk sich vor allen Völkern als „gesegnet" empfindet, so stellt es gleichzeitig die Idee des Judentums zur Diskussion, eine Idee, die als Gotteskindschatt aller Menschen und als Gedanke eines allgemeinen Weltfriedens zu kennzeichnen ist. Der Geist, der sich in der jüdischen theokratischen Verfassung und den Zehn Geboten ausdrückt, dieser Geist echten Menschentums hat die Tendenz, allumfassend die Gedankengänge der gesamten Menschheit zu umspannen. Auf den von Moses geprägten Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" gründet sich die Aufgabe Israels der Menschheit gegenüber und seine subjektiv empfundene Auserwähltheit. Dieser Satz stellt eine Synthese dar zwischen krassem Egoismus (liebe nur dich selbst!) und ungesundem Altruismus (liebe nur deinen Nächsten!). Diese Synthese war notwendig, um im Rahmen der menschlichen Natur Selbstsucht und Eigennutz wirksam zu bekämpfen. Erst d;ese synthetische Lösung des Problems der Einstellung zum Nebenmenschen gab dem Menschen einen Maßstab für sein Handeln, der, ohne seiner psychischen Verfassung zu widersprechen, ein beträchtliches ethisches Niveau voraussetzte. Ein Volk, das sich in diesem hohen Sinne auserwählt fühlt, wird weit entfernt davon bleiben, seine Auserwähltheit zui- Vergewaltigung anderer Nationen zu mißbrauchen. Es werden den Juden heute die primitivsten Menschenrechte vorenthalten. Es lastet ein „ewiger Fluch" auf dem jüdischen Menschen, der von einer Katastrophe zur anderen getrieben und in einer grausigen Wandertragödie von Land zu Land gehetzt wird. Und da findet sich kaum jemand, der seine anklagende Stimme erhebt und auf den Adel eines Volkes hinweist, das schon in uralter Zeit die Rücksicht auf den Menschen einschließlich „des Fremdlings, der in seinen Toren weilt" in den Mittelpunkt seiner Gesetzgebung gestellt hat. Dieses Gesetz hat bis heute bindende Kraft für die gesamte Judenhcit der Welt, und w enn sich auch viele Einzelne von diesem Gesetze losgelöst haben, den Geist, der ihm zu Grunde liegt, trägl jedei Jude als Stimme des Blutes in seinem Herzen; denn die Lossage gilt ja nicht dem Inhalte des Gesetzes, sondern den Formen, die unsere Weisen als „Zaun der Lehre" um dasselbe gewoben haben. Aber auch diese Formen haben für uns Juden einen bleibenden Wert, weil sie ilie durch die Jahrtausende geheiligte Tradition darstellen, auf der unsere Volkskultur sich, weiter entwickeln kann. Form und Inhalt müssen einander entsprechen, und der Inhalt läßt sich nur in der ihm gemäßen Form erhalten. Wenn auch manche Form scheinbar nicht im Einklänge mit den Gedankengängen des modernen Menschen steht, so ist nicht nur der beinhaltete Geist ewig und von unabänderlicher Gültigkeit, sondern diese Formen haben die Judenhcit als Gemeinschaft in die Gegenwart hinübergerettet. Heute ist es als Folge der staatlichen Unverbindlichkeit des jüdischen Volksgesetzes so weit gekommen, daß jeder Jude seinen eigenen Schulchan aruch besitzt und nur seine persönliche Auslegung der religiösen Vorschriften für verbindlich hält. Fs ist klar, daß darunter das Judentum leiden muß, daß auf diese Weise viele „Judentümer" entstehen, die oft nur verzerrte Karrikaturen des echten Kernes sind. Wer darauf bedacht ist, das echte Judentum unter Wahrung der jüdischen Gemeinschaft zu erhalten, der wird ehrlich und mit allen Kräften au der Schaffung einer obersten Instanz etwa eines Svnhedrions in Jerusalem — mitarbeiten. „Von Zion »cht die Lehre aus", das ist der jüdische Beitrag zur menschlichen Kultur. Tatsächlich ist ohne diese jüdische Leistung die heutige Menschheitskultur weiler in ihrem Inhalte, noch in ihrem Niveau denkbar. Wir Juden aber dürfen nicht nur voll Stolz auf die Vergangenheit unseres Volkes blicken, wir müssen uns vielmehr den Glauben au die Zukunft unserer Gemeinschaft bewahren. Wir dürfen von der Ueberzeugung durchdrungen sein, daß unser Volk seine Rolle in der Weltgeschichte noch nicht ausgespielt hat, sondern der Welt noch etwas, zu geben verma» und sei es die Verwirklichung der Aufgabe, um deretwillen wir das ,,auserwählte Vo|k" heißen. 13