Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 15 (Februar 1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Ütyattibation dc% füdUchcn fttfindetcftbcit Der Erfinder gilt als ein besonders geschätztes Mitglied menschlicher üemeinschaft. Diese Wertschätzung hat aber bisher kaum zu seiner tatkräftigen Unterstützung geführt. Hat sein Einfall den Sprung aus dem Nichts in ein plötzliches Dasein gemacht, so ist er auf sich selbst angewiesen, wenn er den Einfall praktisch erproben, ihn auf seine Neuheit prüfen, ihn schließlich auf kostspielige Art patentieren lassen will. Die Ueberwindung dieser drei Stufen, wenn sie glücklich gelungen ist, hat ihn zumeist so erschöpft, daß die wirtschaftliche Auswertung seiner Idee anderen zufällt. Aus der Erkenntnis, daß der Erfinder eines der wertvollsten Produktionsmittel menschlicher Wirtschaft ist, wurde vor etwa zwanzig Jahren von einer Anzahl von Personen, darunter auch dem Verfasser dieser Zeilen, zeitlich und örtlich unabhängig voneinander der Vorschlag gemacht, ein Institut zu schaffen, das dem Erfinder dienen sollte. Es war beabsichtigt, dem Erfinder die Prüfung auf Neuheit, die Patentierung und die wirtschaftliche Verwertung abzunehmen, aber schon vorher in eigenen Versuchsanstalten, Modellbauereien u. a. eine werktätige Hilfe für seine Hauptarbeit zu schaffen. Der Vorschlag, der bereits konkrete Formen angenommen hatte, ist dann im Kriegslärm verschollen. Heute scheint es dem Verfasser dieser Zeilen an der Zeit, seinen Vorschlag wieder hervorzuholen, um ihn für Zwecke des Aufbaues der jüdischen Heimstätte in Palästina einzusetzen. Der Anteil der Juden an wissenschaftlicher Forschungs- und praktischer Erfinderarbeit ist erstaunlich hoch. Man könnte heinahe sagen, daß er verkehrt reziprok zur Volkszahl der Juden gemessen an jener der großen Kulturvölker ist. Die theoretische Begründung der Radio-Uebertragung und die Erfindung der Radioröhre mag als ein Beispiel für viele gelten. Es wird also an Mitwirkenden keinesfalls fehlen, wenn daran gegangen werden soll, auch die jüdische Forschungs- und Erfinderlust für Zwecke des neuen Palästina zu mobilisieren. Welcher Art die Früchte solcher Tätigkeit sein könnten, ergibt folgende Ueberlegung: Die Kolonisation in Palästina erwuchs aus bekannten Erwägungen und Wünschen. Im Anfang wurde nicht daran gedacht, dabei ein Gebilde wirtschaftlicher Macht herzustellen. Nun bedeutet aber das Schaffen der knappen Viertehnillion Juden in Palästina bereits heute wirtschaftliche Macht. Das neue Palästina ist schon jetzt ein beachtlicher Faktor für den Warenaustausch des Weltmarktes geworden, obwohl seine Hauptprodukte keinen besonderen Seltenheitswert besitzen. Um wievieles interessanter beim Güteraustausch könnte das neue Palästina werden, wenn es die seltenen und hochwertigen immateriellen Güter jüdischen Erfindergeistes anzubieten hätte. Der Export von erfinderischen Ideen unterliegt außerdem keinerlei Sehranken von Zöllen, Einfuhrdevisen und sonstigen Schwierigkeiten. Hier ist gleich ein Einwand zu beantworten, der sicher gemacht werden wird. Sind nicht alle vorhandenen Mittel für den Rohaufbau des Landes einzusetzen, ehe mau solche Aufgaben erfüllen kann wie die Schaffung eines Institutes für jüdische Erfinderarbeit? Die Mittel, die heute in Palästina eingesetzt werden, schatten eindeutige Werte. Für so und soviel (ield kann man so und soviel Boden erwerben, Häuser bauen, Inventar anschaffen u. a. Die Phantasie erhält dabei nicht viel Nahrung. Die Konzentration jüdischer Ertinderarbeit kann vorerst ohne jeden wirtschaftlichen Erfolg bleiben, sie kann aber auch Werte schatten, welche jene der Kolonisation im Sturmschritt überholen. Es sollte also auf den jüdischen Erfinder etwa wie auf eine gute Karte umso eher gesetzt werden, als seine Förderung im Verhältnis zur Kolonisation nur bescheidene Mittel erfordert. Es scheint uns auch, daß diese Mittel unschwer aufzubringen wären. Die Juden haben überall ein so eindringliches Verständnis für Forschung und Fortschritt, für Gelehrsamkeit, auch ohne praktischen Erfolg, daß eine nur einigermaßen intensive Spezialsammlung für den jüdischen Forscher und Erfinder restlosen Erfolg haben müßte. Die praktische Ausführung unseres Vorschlages bedeutete die Schaffung einer Zentralstelle in Palästina, welche die jüdischen Forscher und Erfinder auf der ganzen Welt zu befürsorgen hätte. In welcher Reihenfolge diese Fürsorge sich entwickeln würde, kann nicht vorausgesagt werden. Sie wird wahrscheinlich mit der dringlicheren Hilfe bei praktischer Erprobung einer theoretischen Idee erst später einsetzen können und sich vorerst mit der Hilfstätigkeit der Prüfung auf Neuheit, der Patentierung und der wirtschaftlichen Verwertung begnügen müssen. Die Förderung wissenschaftlicher Arbeit endlich ohne Rücksicht auf praktische Ziele hätte das Werk zu krönen» Der Verkehr mit den über die ganze Welt verstreuten Schützlingen des neuen Institutes könnte vorteilhaft durch ein weitverzweigtes Netz von wissenschaftlichen, technischen und juristischen Korrespondenten erfolgen. Verfügt das Institut erst über eigene Versuchsanstalten, so werden in wichtigen Fällen Reisestipendien dem Frfinder den Weg zur Zentrale erleichtern. Das Institut wird natürlich ganz klein anfangen müssen. Findet es die richtigen Leute für seine Erstlingsarbeit, so werden wohl die Erfolge nicht ausbleiben, mit denen es selbst mitwachsen soll. Der Vorschlag zur Organisation jüdischer Erfinderarbeit für Zwecke der gesamten Judenheit fällt leider gerade in eine Zeit der Not und der Knappheit der Mittel. Vielleicht hat er gerade deshalb Aussicht auf Verwirklichung. Es sind ja nicht immer die Satten, die sich für einen Fortschritt einsetzen. Jeder Jude, mag er nun religiös oder freidenkerisch oder sozialistisch eingestellt sein, wird sicherlich gerne eine Sache fördern, die jedem Juden nützen kann, auf die aber jedenfalls, wenn sie gelingt, jeder mithelfende Jude wird stolz sein können. 12