Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-02-01 · 15 (Februar 1935) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
15 (Februar 1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/8245601-8695759-8695769--643-8246059
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Teutschland, wo den Juden 12, ja 25 pro Cent Zinsen zu nehmen, gesetzlich erlaubet ist? Es ist wahr, es würde vielleicht denen Gesetzgebern schwehr fallen, zureichende Gründe vor solche Gesetze anzuführen. Allein, die Schuld ist wohl ohne Zweifel nicht den Jüden, sondern denen Gesetzen beyzumessen. Wenn denen Christen dergleichen hohe Zinsen erlaubet wären, so würden vielleicht wenige gefunden werden, die sich nicht dieser gesetzlichen Erlaubniss bedienten, im Fall sie ihren Nächsten in der Nothwendigkeit sähen, sich ihrer Hülfe zu gebrauchen. Ist aber dergleichen Wucher in denen Gesetzen nicht erlaubt, und die Jüden üben denselben dennoch aus; so ist das gewiß ein Kennzeichen, daß die Aufsicht auf die Beobachtung der Gesetze in diesem Lande sehr schlecht ist; und es werden ohnfehlbar eben so viel Christen gefunden werden, die sich dieser Unaufmerksamkeit der Gesetze zu Nutze machen, und Wucher treiben. Mit denen Betrügereyen, so man den Juden vorwirft, hat es die nämliche Beschaffenheit. Wenn sie sich wirklicher Betrügereyen und Verfälschungen schuldig machen; so liegt es gewiß an der Schläfrigkeit, Unachtsamkeit, und Sorglosigkeit dererjenigen, so vor die Aufrechthaltung der Gesetze wachen solen. Verstehet man aber unter denen Betrügereyen, daß sie die Einfältigen zu berücken, und schlechte Sachen theuer zu verkaufen suchen; daß sie vor Kleidungen und Mobilien ein Spottgeld geben, und solche wieder Jüdin im Feiertagskleid Verschiedene. Trachten theuer an den Mann zu bringen wissen; so glaube ich, daß dieses die natürliche Folge in diesen Arten der kleinen Gewerbe ist, von welchen diejenigen, die sie treiben, sie mögen Christen, oder Juden seyn, niemals frey sind. Jederman glaubt, daß er seinen Vortheil hierinnen so hoch treiben könne, als es ihm möglich ist. In Wien duldet man, außer den Hof-Juden, keine Einwohner von dieser Nation. Der Handel mit Kleidungen, Mobilien und dergleichen, womit sich in andern Landen die Jüden am meisten abgeben, befindet sich daselbst in den Händen der so genannten Tändler, die Christen sind. Allein, man wirft diesen Leuthen mit guten Grunde eben den übertriebenen Vortheil, die Berückung der Einfältigen, ja! öfters die Verheelung der Diebstähle vor, womit man die Jüden bey uns beschuldiget. Diejenigen Jüden, welche ordentliche Kaufleuthe sind, können noch weniger einem Lande schädlich seyn. Sie mögen Wechsel-Negotianten, oder Kaufleuthe en gros, oder Krämer seyn; so werden sie durch ihren eigenen Vortheil genötiget, ehrlich und aufrichtig zu verfahren. So bald ein solcher Jüde betrügerisch ist; so wird niemand mit ihm zu handeln begehren, und er wird selbst den größten Nachtheil d,avon haben. Man wird auch selten finden, daß die Jüden von dieser Art betrügerisch sind. Man siehet in Engelland, Holland, und fn den Handlungsplätzen andrer Staaten, von dieser Nation große uind aufrichtige Negotianten, mit welchen jederman gern zu thün hat; 10

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.