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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-02-01 · 15 (Februar 1935) · p. Seite 4

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
15 (Februar 1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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wir vor Nichtjuden unsere Schwächen und Fehler eingestehen, daß wir uns bloßstellen und uns etwas vergeben. Aber ein weiterer Irrtum. Wer bereits unser bester und überzeugter Freund ist, mit dem braucht man sich nicht mehr verständigen, mit dem ist man eben bereits „verständigt". Sogenannte Verständigungsversuche haben doch nur Sinn mit Menschen, die den Willen zur Verständigung und zum Verstehen haben und die so geartet sind, daß sie, wenn sie einmal verstanden haben und überzeugt wurden, diese verständigte Ueberzeugung auch wirklich vertreten. Am wertvollsten sind vom jüdischen Standpunkte solche Persönlichkeiten, die sich dabei so verhalten, daß ihr nichtjüdischer Anhang den Weg der Verständigung dann auch mit ihnen geht. Zu solchen Persönlichkeiten scheint der Vortragende Pater Fischer zu gehören, wie offenbar auch der Leser möge nach den Zitaten selbst urteilen — Doktor Czermak. Lohnt es also der Mühe? Die „Wahrheit" zitiert allerdings noch andere Sätze des Pfarrers Platzhoff-Lejeune: „Wenn wir uns über die Juden beklagen wollen, verteidigen wir uns, aber durch geeignete Mittel und in erster Reihe durch die Assimilation . . . Der naturalisierte Jude wird unseresgteichen... Fordern w ir also die Juden auf, auf allen Gebieten unseie Brüder zu sein!-' Hand aufs Herz: Könnte mau diese Worte „auf allen Gebieten" —, wenn man schon kleinmütig und mißtrauisch sein will, nicht eher unter das Motto einer „TaufPropaganda" einreihen? Denn bei einem Pfarrer dürfte wohl sein Glauben zu dem den; Begriff „alle Gebiete" auch gehören! Dafür gibt es „orthodoxe" Kreise in Oesterreich, welche keinerlei Scheu vor einer Verständigung mit den Katholiken empfinden und an der Tatsache des Vortrages des P. Fischer gar nichts auszusetzen hatten. Ebenso auch „liberale" Kreise, wie auch — wie wir oben gezeigt haben „zionistische" Kre'se. Worum es sich handelt! Mit einem Wort: es handelt s i c h u m k e i n e Parteiangelegenheit, sondern um sehr reale praktische Dinge, in erster Linie um die gemeinsame Abwehr der Rassenthesen, die sich gegen Juden und ebenso gegen die Katholiken richten, es handelt sich ferner um die Frage: wie ermöglicht man in der heutigen Zeit den jungen Juden die Ergreifung von Berufen? Und da scheint es wirklich so zu sein, daß es, mitten durch alle jüdischen Richtungen, eigentlich um eine Auseinandersetzung der glücklich Besitzenden, der „beati possidentes", mit den Menschen geht, die auch leben wollen, die ihr Leben noch vor sich haben und die daher sich und andern mehr vertrauen und zutrauen, weil sie keine „Verzichte" zu besorgen haben. Irgendwelche Verbote und Behinderungen sind nur möglich, solange eine Diktatur der Verbote, eine Vormundschaft der „beati possidentes", die Herrschaft des unfruchtbaren N e i n s a g e n s besteht, die ein sehr rasches Ende finden wird, sobald die Judenschaft aller Schattierungen nur einmal wissen wird, worum der Streit geht. Mehr Selbstvertrauen! Kein Volk hat sich gegen ein Bestreben, ihm Lebensmöglichkeiten zu schaffen, je gewehrt, solange die Welt besteht. Die Juden bilden bestimmt keine Ausnahme. W Höchstens in einem Punkt. Sie trauen sich gegenwärtig zu wenig zu, sich durchzusetzen, wenn sie mit Nichtjuden über Judentum und jüdische Lebensfragen sprechen. Es fehlt ihnen das naive, gesunde, selbstverständliche Selbstvertrauen, wenn es um jüdische Belange geht. Aber auch das Selbstvertrauen wird wiederkommen, wenn man wissen wird, worum es sich handelt, und wenn endlich Vertrauen einkehrt. Man höre, was ehrliche Nichtjuden sagen, und mau spreche zu Nichtjuden, damit sie uns Juden hören! Wenn es sich dann zeigt, daß man zueinander Vertrauen haben oder gewinnen kann, dann werden auch wir Juden wieder unserer Kraft vertrauen. Und dann wird man w e n i p; e r f r a - .<>■ e n, aus welcher Parteiorganisation bist d u s n u d e r n n u r: w e r hist d u u n d w a s willst d u? U u d d i e „b e a ti posstdente s" w e r d e n e b e n f a 11 s ja s a g e n müssen. 4

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