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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-02-01 · 15 (Februar 1935) · p. Seite 3

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
15 (Februar 1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Honen festhalten zu wollen, und die scheinbar immer noch nicht verstehen können, daß auch der Katholik das Bedürfnis hat, s'ch fremde Einmischung in ureigenste kulturelle Angelegenheiten zu verbitten! Die Gestrigen" . .. wollen es nicht wahr haben, daß heute ein konstruktives Programm in der Judenfrage dringend vonnöten ist und daß es unaufhaltsamen Rückschritt bedeutet, wenn man mit blinder Beharrlichkeil im Negativen stehen bleibt. Es verdient uneingeschränkte Anerkennung setzt Dr. Czermak fort —, wenn angesichts der verheerenden Wirkungen eines verblendeten Rassen- Antisemitismus, nicht allem auf christlicher Seite, der letzten Endes überaus tolerant^ katholische Standpunkt gegenüber dem Judentum freimütig ans Tageslicht gerückt wird, sondern nunmehr auch angesehene Vertreter des Judentums sich nicht scheuen, einer gerechten Behandlung der heiklen Frage freie Bahn zu schaffen durch Feststellungen, die den lebhaften Beifall eines jeden für Volk und Vaterland besorgten Christen verdienen." Dr. Czermak zitiert dann nach der Feststellung, daß — wie überall — die „beati possidentes" (die glücklichen Besitzenden, die Saturierten, die Gesättigten) als „Giftmischer" auftreten, und zwar auf beiden Seiten, auf jüdischer und nichtjüdischer Seite, indem sie „d e n Egoismus reinster F o r tn über den M o r a 1 b e g r i f f stelle n", weitere Abschnitte aus dem Aufsatz Dr. Weiners, darunter folgende, für die österreichischen Verhältnisse kennzeichnende Sätze: „Die nichtjüdische Bevölkerung von Oesterreich empfindet es, wie manche sagen, unangenehm, daß es zu viele Juden in gewissen Berufen gibt. Die Jude n dagegen empfinden es unangenehm, daß es zu wenig jüdische Richter, Staatsanwälte, Beamte, i Briefträger, Kondukteure, Arbeiter in öffentlichen Betrieben, Lehrer und Bauern gibt. Sollte da keine Verständigung möglich sein, ja schreien diese Zustände nicht geradezu nach einer Verständigung? Man täusche sich nicht! Es gibt nichtjüdische Kreise, die es lieber ohne Verständigung machen —, aber ist es wirklich so schwer einzusehen, daß es dann auf unsere Kosten geht, daß wir dabei die Zeche zahlen? Müssen wirklich die armen geschundenen jüdischen Massen die Zeche zahlen, weil gewisse jüdische Kreise vor jedem Versuch einer Verständigung von Mann zu Mann und von Volk zu Volk zittern?" Dr. Czermak schließt seine Ausführungen mit folgenden Sätzen: „Hut ab vor solch herzhaftem und aufrichtigein Anpacken der schon überreifen Materie! Daß die Auseinandersetzungen in der österreichischen Juden frage gerade deshalb, weil sie nicht mutwillig vom Zaun gebrochen wurden und auch nicht irgendwelchen propagandistischen Zielen dienen, für beide Volksteile (Juden und Christen) zum Segen gereichen werden, verbürgt die nun auch auf jüdischer Seite sich mächtig durchsetzende Einsicht, daß es eine Judenfrage gibt und daß man an eine allseits befriedigende Lösung des Problems glauben darf, wenn an Stelle des rücksichtslosen Egoismus ein gesunder Altruismus tritt." Es ist dabei zu beachten, daß diese Aeußerungen Dr. Czerrnaks für einen geschlossenen katholischen Kreis (die ehem. christlichsozialen Funktionäre, deren letzter Parteiobmann eben Dr. Czermak gewesen war) bestimmt waren und n i c h t g e s c h r i eben wurden mit der Aussicht, jüdischen Lesern zur Kenntnis zu gelangen und übe rhaupt veröffentlicht zu werden. hin Irrtum L)r. Czerrnaks. Ich habe einige Stellen seiner Darlegungen weggelassen, die sich auf die Voraussetzung gründen, daß diese Diskussion ein Kampf zwischen „Zionisten" und liberalen" Juden w äre. Hier liegt ein sachlicher Irrtum des katholischen Politikers vor. Es sind gegenwärtig gerade etliche zionistische Persönlichkeiten und zionistische Gruppen, natürlich nicht alle, welche als ,,beali possidentes" jeden Versuch eines Kennenlernens und Verständigens mit Nichtjuden mit Energie bekämpfen. Sie belegen jeden, der auch nur einen Schritt nach dieser Richtung tut, mit einem sozusagen weltlichen Bannfluch einer neuzeitlichen Feme, obwohl seinerzeit — und daraus der Irrtum Dr. Czerrnaks — alle Zionisten stets mit dem Kampfruf: „Für eine Verständigimg von Volk zu Volk" ins Feld gezogen w aren. Eine Steihmgnahme der „Wahrheit". Manche „liberalen" Kreise arbeiten zwar, da sie nicht erst gegen ihr eigenes Programm auftreten müssen, ohne Verfemungen, aber auch ablehnend. In ihrem Organ „Die Wahrheit" polemisiert ein ungenannter Autor mit dem genannten Zionisten Doktor Weiner und führt gegen die Veranstaltung dieses Vortrages eines Nichtjuden als Beweis an, daß der Vortragende P. Fischer in seinem Blatte dafür plaidiert hatte, daß Christen ihre Weihnachtseinkäufe in erster Linie bei Christen machen sollen. Die „Wahrheit" verurteilt deshalb solche Verständigungsversuche mit Persönlichkeiten, die beispielsweise solche Thesen vertreten, und stellt eine Aeußerung des Pfarrers Platzhoff-Lejeune aus Brassus entgegen, der in einem Vortrage sagte: „Während der ersten Jahrhunderte der christlichen Aera scheint sich das jüdische Volk noch ganz glücklich gefühlt zu haben . . ., aber das sollte nicht lange dauern und 15 Jahrhunderte hindurch mußte es Zielscheibe alle! Arten von Peinigungen und Quälereien sein. U n d das ist eine der Schanden unseres Christentums, daß wir die Juden so leiden ließen. Denn schließlich haben die Juden, die trotz all diesen dauernden Verfolgungen ihren Glauben bewahrten, den Anspruch auf unsere höchste Achtung. . . Man hat sich oft, zu oft, des Juden als Sündenbocks bedient. Wer hat den Krieg gemacht? Die Juden . . . Wer ist schuld an der Krise? Die Juden ... Er ist schließlich das geworden, was w i r aus ihm gemacht haben, und man braucht darüber nicht erstaunt zu sein. Es ist nicht sein Fehler, sondern der unserige und der unserer Vorfahren . . ." Ein doppelter Irrtum. Das klingt natürlich überaus erfreulich. Dem Verfasser der Polemik gegen den Vortrag des Paters Fischer ist nur seinerseits der Irrtum unterlaufen, der ihm nur bedingt angekreidet werden kann - er hätte v o r Abfassung seiner Polemik sich erkundigen können, da der Vortrag bisher nicht veröffentlicht worden ist — nämlich ein tatsächlicher Irrtum: Pater Fischer hatte diesbezüglich dasselbe gesagt. Der Freimut, mit dem P. Fischer auch über seinesgleichen gesprochen hatte, der hatte in diesem jüdischen Kreise wirklich als Sensation gewirkt, da wir Juden leider so befangen sind zu glauben, wenn 3

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