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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-02-01 · 15 (Februar 1935) · p. Seite 2

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
15 (Februar 1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Menschheitsfragen, die jeden angehen, den Christen und den Juden, oder wird ein Jude eingeladen, vor christlichem Publikum über solche Dinge sachkundig vorzutragen, dann ist es eine Ehre und ein Gewinn. Nichts spricht dagegen, alles dafür. Man kommt sich näher, man tauscht Gedanken aus, man lernt sich kennen. Aber als Fachmann, nicht als Juden. Der Vortrag P. Zyrill Fischers. Es war diesmal ein Thema, das die diskrete Distanz der Menschen überbrücken wollte. Ein katholischer Priester und Publizist spricht in einem geschlossenen jüdischen Kreis von politisch gleichgesinnten und gleicherzogenen jüdischen Menschen darüber, wie er sie —die Juden — bisher gesehen hat. Das wurde zur heiß umstrittenen Sensalen, roch ehe der Vortrag begonnen hatte. Der Vortrag wurde pünktlich gehalten, dauerte eineinhalb Stunden und wird in den nächsten Wochen vom Vortragenden aus dem Manuskript veröffentlicht werden. Nach dem Vortrag erscho.l reicher Beifall und der Abend wurde ohne Wechselrede mit einem Dank an den Vortragenden geschlossen. Pater Fischer legte in dem Vortrage einleitend ausführlich dar, wie der streng kirchliche Standpunkt in der sogenannten Judenfrage lautet. Er verlas eine ganze Reihe bezughabender kirchlicher Dokumente und zog aus ihnen den Schluß, daß die Katholische Kirche die Bekehrung aller Menschen zu ihrem Glauben antstrebe und erhoffe, daß aber der Zeitpunkt, wann dies Fernziel erreicht sein wird, voll und ganz der göttlichen Vorsehung anheimgegeben sei. Es wird also Menschen geben, die sich um die Bekehrung der Juden zur Römischkatholischen Kirche bemühen, aber solches Bemühen einzelner habe mit dem Wunsche, ganz unabhängig von solchem etwaigen einzelnen Bemühen eine Verständigung, ein Kennenlernen und Schätzen- und Vertragenlernen zwischen katholischen und jüdischen Menschen anzustreben und zu verwirklichen, n i ch ts zu tun. Der Vortragend«, der sich nicht mit J u d e n b e k e h r u n g befaßt, bekannte sich zu diesem Verständigungsbestreben und richtete in ausführlicher Darstellung einen warmen Appell an die Zuhörer, sich auch ihrerseits um solches Kennenlernen und Schätzenlernen und Verstehen- und ehrliches Vertragenlernen zu bekümmern. Furcht vor Taufpropaganda. Eine jüdische internationale Korrespondenz veröffentlichte einige Tage nach dem Vortrage eine kurze Darstellung, in welcher sie davon sprach, P. Fischer hätte einer Verständigung zwischen Katholiken und Juden parallel mit stattfindenden Bekehrungsbestrebungen das Wort geredet und überschrieb daher ihre Aussendung mit dem „sensationellen" Titel: ,,Die Taufpropaganda in Oesterreich. Mission auch im zionistischen Altherren verban d". Dazu brachte sie ein Interview mit einer hohen rabbinischen Persönlichkeit, das sich auf diese unzutreffende Information stü.z'.e. Neue Stellungnahme d es Ministers a. D. Dr. Emmerich Czermak. Die Diskussion in jüdischen Kreisen, auch in der genannten Vereinigung, wurde im Stillen geführt, dann aber auch in der Oeffentlichkeit, aber nicht nur auf jüdischer Seite. Ich darf aus einer solchen für einen geschlossenen kathol'schen Kreis bestimmten Stellungnahme des ehemaligen österreichischen Unterrichtsministe;s Dr. Emmerich Czermak verschiedene Aeußerungen der Oeffentlichkeit zur Kenntnis bringen, die Interesse erwecken werden. Nach einer kurzen Feststellung des Tatbestandes schreibt Dr. Czermak: „Mit Rücksicht darauf, daß P. Zyrill Fischer durch sein wiederholtes Hervortreten, seinerzeit gegen die marxistische Jugenderziehung und de sozialistischen „Kinderfreunde", später gegen den Nationalsozialismus, und heute als angesehener katholischer Publizist, eine der markantesten Persönlichkeiten des katholischen offen'liehen Lebens in Oesterreich geworden ist, erscheint es zweckmäßig, auch die christlichen Kreise von dem merkwürdigen Ereignis und dem Echo, das dieser Vortrag im jüdischen Lager hervorgerufen hat, zu unterrichten." Aus den weiteren Ausführungen des heute unverändert aktiven Politikers Dr. Czermak geht ein wörtlich zitierter Teil der innerjüdischen Auseinandersetzungen hervor, weshalb wir der Kürze halber diese Diskussionen zunächst in der Czermak'schen Darstellung bringen: ,,Von den äußerst lebhaften Auseinandersetzungen, die der Vortrag' P. Fischers zwischen den verschiedenen jüdischen Pi htuneen ausgelöst hat, ist eine Aussendung der Jüdischen Telegraphen-Agentur, die in einem Großteil der jüdischen Blätter Aufnahme gefunden hat, besonders bemerkenswert. Ausgehend von der Behauptung, daß die Initiative des Vortrages auf katholischer Seite zu suchen sei, um einer „T auf Propaganda" unter den luden Oesterreichs Vorspanndienste zu leisten, wird den Veranstaltern des Vortrages die scharfe Mißbilligung weiter jüdischer Kreise entgegengehalten, die durch diese neue Art der Verständigung hervorgerufen wurde. Besonders hervorgehoben wird eine Aeußerung des Wiener Oberrabbiners Dr. Feuchtwang... Dr. Feuchtwang greift aus den Ausführunrungen P. Fischers zwei Momente heraus: Die Bekehrung der Juden als Endziel der Katholischen Kirche und die Verpflichtung, „parallel" zu den Bekehrungsversuchen die Verständigungsarbeit zwischen Katholiken und luden fortzuführen. Dr. Feuchtwang nimmt in scharfen Worten dagegen Stellung, daß sich die Juden Verständigungsbereitschaft predigen lassen müssen, als ob sie der anderen Seite etwas zu konzedieren hätten. Wenn dies vielleicht die staatsbürgerliche Gleichberechtigung betreffen sollte, dann sei glejch vorweggenommen, daß die Juden über diesen Punkt überhaupt nicht diskutieren. Zu dieser Ausssendung der I. T. A. gibt das jüdische Blatt „Die Neue Welt" dem bekannten Wiener Zionisten Dr. Jakob Wein er Raum für eine hochinteresssante Entgegnung. An die energische Feststellung, daß der „Ring" allein der Initiator der Versammlung war und P. Fischer die Einladung durchaus nicht ohne weiteres angenommen hat, weil er sich vorerst die Zustimmung seiner vorgesetzten kirchlichen Behörde einholen mußte, knüpft sich eine grundsätzliche und gründliche Auseinandersetzung mit der Gruppe der „ewig gestrigen" Juden, die immer noch nachdrücklichst und schärfstens ihren Anspruch betonen, alle 'hrc Posi- 2

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