Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 15 (Februar 1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 1 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WD EM IE GS APPDSCIHIiS ¥AM 0 HD 1 M i läo Redaktion und Verlag: Wien I., Petersplatz 7 Telephon U-21-0-17 3. Jahrgang Adar 5695 Februar 1935 Nummer 15 Hans Kandl: Ist das jüdische Selbstvertrauen abhanden gekommen? (Mitteilungen über eine Diskussion) Das jüdische Dasein ist nun einmal in den Vordergrund geschoben würden. Wer dies getan hat, ist bekannt. Es ist daher so gekommen. Und man sieht uns jetzt deutlieh als Jude n. Ich frage nur: Stört es uns, daß wir gesehen werden, daß man weiß, ich bin Jude, wir sind Juden? Waren wir nicht einmal stolz, Juden zu sein? Haben siel, unsere Väter nicht ehrlich gewehrt, unter allen Völkern ganz unsichtbar unterzutauchen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden? W u r d e n i c h t einst das jüdische O e s e t z als eine g e i - s t i g e M a u e r u m u n s g e l e g t, damit w i r sichtbar bleib e n. u m unser S i 11 e n g e s e t z i n d i c W e 11 z u t r a g e n? Wir Juden haben niemals bekehren wollen, wir wollten keine Proselyten machen, aber wir wollten und wollen wir selbst bleiben und sichtbar als Gotteskinder leben. Wir hatten es übernommen, eben Juden zu sein u n d z u b I e i b e n. Beleidigt es uns heute, erkannt zu werden? Wir wollten doch erkannt bleiben, denn sonst wären wir längst, auch uns selber, unsichtbar und unkenntlich geworden. Es ist aber ein Unterschied darin gelegen, wie man uns erkennt. Wenn man es mit uns böse meint, und uns aus unserer Ruhe aufstört, um uns etwas zu tun, weil wir Juden sind, dann wehren wir uns, selbstverständlich! Und am besten können wir uns wehreu und unsere Ehre hochhalten, wenn wir uns richtig zu erkennen geben, wenn wir darauf bestehen, daß man uns so sieht, wie wir w irklich sind. Ein Kleriker spricht bei jüdischen Akademikern. Da kam eine Vereinigung von jüdischen Akademikern auf den Gedanken, einen Nichtjuden, der im öffentlichen Leben viel zu sagen hat und der in seiner furchtlosen, offenen Art dem von ihm als Publizisten geschriebenen Wort starken Nachdruck verleihen kann, zum Zwecke des wechselseitigen Kennen lernens einzuladen, nach zwei jüdischen Vortragenden den dritten Vortrag im laufenden Jahre in dieser Vereinigung zu halten. Der Vortrag wurde betitelt: „Wie sieht der Katholik das j ü d i s c h e Volk?" Der Vortragende hieß Franziskanerpater Z yrill F i s c h e r, Chefredakteur des Wochenblattes „Katholisches Leben'1, Organ des „Volksbundes der Katholiken Oesterreichs". Dei veranstaltende Verein nennt sich „Ring der Altherrenverbände der zionistischen Verbindungen" und ist: ein geschlossener Verein von gesinnungsmäßig gleich erzogenen, erwachsenen, reifen Männern mit einer stattlichen Mitgliederzahl, unter ihnen einer ganzen Reihe von führenden Persönlichkeiten des judischen Lebens. Von mancher Seite wurde nun die Frage aufgeworfen, ob ein derartiger Vortrag angezeigt erscheine. Es wurde erwogen und mit Leidenschaft umstritten, ob ei n h e r v o r r a g e n der K at h o 1 i k, noch dazu ein K 1 e r i k e r, in ei n e r j ü d i s c h e n Ve r e ini gu n g als R e d n e r au f t r e t e n k ö n n e. Denkt man ruhig über diese Erwägungen nach, dann, fällt einem ein, daß es stets als Ehre galt, in einem nichtjüdischen geschlossenen Verein als Jude über irgend ein Thema sprechen zu dürfen. Etwa über die Theorie von Albert Einstein, oder über den modernen Wohnungsbau. Warum also nicht umgekehrt? Da gibt es doch einen großen Unterschied. Die Theorie Einsteins interessiert die ganze Menschheit, soweit sie für physikalische Theorien Interesse besitzt. Der moderne Wohnungsbau interessiert alle Menschen, weil alle Menschen gerne modern und behaglich wohnen möchten. Spricht ein Katholik über solche 1