Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Gespräch mit Schalom Asch „Mein letzter Roman ,Der Trost des Volkes' wollte ein Bekenntnisbuch sein — ein Bekenntnis, gesehen durch die Augen des Judentums. Sein Held, der Wuno'errabbi Jechhiel, will in sich die innere Wesenheit des Judentums, seine gesamten sittlichen Kräfte verkörpern. Zu allen Zeiten gibt es Gegensätzlichkeiten der Ideen, Konflikte zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen. Man kann die eigene Seele erlösen wollen, auf die Gefahr hin, für die Mitmenschen verloren zu gehen. Diesen Gedanken möchte ich als das Hauptthema des Werkes bezeichnen. Mein Held könnte wirklich gelebt haben, jedenfalls gab es viele seiner Art. Er stellt den Typus des Volks-Wunderrabbis dar, der mit seinen Leuten darbt und hungert. In ihm sollte sich das jüdische Leben vor dem Eintreten der Wirkungen verkörpern, wie sie die geistigen Strömungen gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts ausgeübt haben, kurz das Judentum in der Geschlossenheit seines Eigenlebens. So muhte ich also die Handlung des Werkes etwa mit dem Jahre 1890 abbrechen — dort also, wo es aufs neue interessant wird. Sie geht in den Bezirken des Chassidismus vor sich: was wir von diesem in der Literatur kennen, sind großenteils Aphorismen oder Legenden. Im ,Trost des Volkes' wollte ich aber das reale, tatsächliche Leben geben, und zugleich, falls es mir gelungen ist, ein Buch des jüdischen Geistes." ,,Wis arbeiten Sie und wie ist Ihr Schaffensprozeh?" ,,lch brauche vor allem die Vision des Menschen, den ich darstellen will. Ich muh, ihn in mir so gesehen haben, daß ich ihn darnach modellieren kann, und mein Weg führt mich vom Menschen zur Idee — und nicht umgekehrt. Es genügt mir, ein Gesicht zu sehen, dessen Träger ich gar nicht kenne, in das ich mich hineindenken kann. Ein Spruch aus den Psalmen lautet: ,lch werde leben und nicht sterben und Gottes Werke erzählen.' So muß auch ich das Gefühl haben, daß ich nicht etwa Äusgedachtes, sondern die Wirklichkeit wiedergebe; ich betrachte mich als Erzähler von Gottes Taten. — Mein Schaffensprozeh? Vor der Niederschrift lebt nur die Stimmung des Werkes in mir, bloß seine Atmosphäre ist sozusagen fertig. Die Handlung muß sich erst während des Schreibens entwickeln. Ich schreibe meine Bücher drei-, viermal selbst mit der Hand, und arbeite nur, wenn ich in der Stimmung dazu bin. Dann schaffe ich unausgesetzt, aber Monate vergehen oft ohne Produktion. Niemals arbeite ich in der Nacht, denn meine Arbeit ist meine Tätigkeit, meine Tagesbeschäftigung, ich muß sie ganz nüchtern und ausgeruht vollbringen. In der Nacht wäre jegliches Schaffen überspannt. Meine früheren Werke waren Ausfluß der Inspiration. Jetzt habe ich gelernt, die Inspiration sozusagen im Zaume zu halten: man muß sich selbst korrigieren und meistern. Und früher habe ich mich verführen lassen." „Worin sehen Sie die Bedeutung der jiddischen Literatur?" „Ich möchte ihr Auftreten mit der Periode zu Beginn des Chassidismus vergleichen. Damals war das jüdische Geistesleben bloß den Gelehrten vorbehalten. Erst seit Baal Schern Tows Zeiten konnte auch der Arme am Geist teilhaben: der Chassidismus war eine Art Protest gegen die Gelehrsamkeit. Nun, die gleiche Rolle, nur auf viel breiterer Basis, spielt auch die jiddische Literatur. Vordem war das ganze Schrifttum in hebräischer Sprache für die Auserwählten abgefaßt und seine Kenntnis auf eine verhältnismäßig kleine Gruppe beschränkt. Doch mit der Verwendung des Jiddischen hat sich das jüdische Volkstum zum Leben erhoben und hat sich gestaltet gesehen. Meine ersten zwei oder drei Werke habe ich hebräisch geschrieben. Erst der große ostjüdische Dichter J. L. Perez in Warschau und seine Jünger haben mich auf die Idee gebracht, daß Schaffen kein Privileg ist, sondern eine Pflicht. Durch ihn und auf diesem Wege kam ich um die Jahrhundertwende zur jiddischen Sprache. Seit damals hat die jiddische Literatur eine große Bedeutung für das Volk: sie gab den Massen einen Mund. Über fünf Erdteile zerstreut, haben die Juden durch sie ein Organ des Zusammenhangs, wie ein Gürtel schlingt sie sich um die ganze Welt und nächst der Religion ist diese Literatur das Eigentum des ganzen jüdischen Volkes. Nach außenhin ist die Realität des Judentums durch sie aufgezeigt worden. Tausende christlicher Leser sind ihm durch die jiddische Literatur nähergekommen. Durch das rein Menschliche, das sie künstlerisch im Juden entdeckt hat, ist er aufs neue ein Mitglied der menschlichen Familie geworden." „Was scheint Ihnen die Aufgabe des Judentums?" „Das könnte ich nur in einer Broschüre ausdrücken, die den Titel haben müßte' ,Der Sinn des Judentums.' Freilich ist dieses ein Unglück für jene Juden, die keinen Sinn darin sehen. Sie fühlen nur die Last. Aber sein Sinn ist eben: der Mensch ist nicht zum guten Leben geschaffen, er kann die Lasten nicht abschütteln. Er ist kein freier Vogel, kein Tier des Waldes, sondern das Leben ist für ihn eine Pflicht, eine Verkörperung des göttlichen Willens, und er selbst das Objekt der göttlichen Mission. Ein Vergleich wird vielleicht verdeutlichen, was ich meine: Nicht der einzelne Baum im Walde ist Ziel und Zweck, sondern der Wald. Denn in jedem einzelnen Baum ist der Wald enthalten. Das also ist der Begriff des Judentums, aber auch der des Christentums, und darum muß das wahre Christentum sich zum Judentum bejahend verhalten. Nicht nur wegen der historischen Zusammenhänge der beiden Religionen, sondern wegen des göttlichen Sinnes im Menschen. — Im abendländischen Leben aber scheint mir das Judentum, das echte Judentum, die Aufgabe eines Regulators zu besitzen. Wie Luther oder Cromwell ihre neuen Kräfte aus der Bibel schöpften, so hat das Judentum nur durch seinen biblischen Geist seinen Sinn in Europa: als ewige, lebendige Quelle, als Spender segentragender Ideen." Dr. V. P, 26