Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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BESTE QUALITÄTEN! ANTHRACIT fm KOHLE KOKS ^mP' BÄSCH IV., Argentinierstr. 22 - Tel. Serie U 47.5.40 Dann sind die Läden demoliert, die Häuser zerstört, Männer, Frauen und Kinder verwundet, erschlagen. Daß die Behörden an dem Pogrom in Kischinev ein gerüttelt Maß Schuld trugen durch ihr passives Verhalten, hat der Pogrom-Prozeß einwandfrei erwiesen. Der Kischinever Friedhof, eine ungeheure Gräberstadt, die schon vor mehr denn hundert Jahren angelegt ist, bedrückt unheimlich. Aufgerichtet ist hier Stein auf Stein mitleidlos, es ist, als wollten die Toten selbst hier an dieser Stelle so eng wie nur möglich bei einander liegen, Schutz suchend vor der feindlichen Umwelt. Und nach orthodoxem Ritus nirgends ein Baum, ein Strauch. An bevorzugter Stelle eingefriedet die 108 Gräber der Pogromopfer, mitten darunter der Denkstein, der kündet, daß hier die geschändeten Gesetzbücher beigesetzt sind. Das Ganze keine Stätte des Friedens, sondern ein ewiges Mahnmal: So haben Menschen an Menschen gehandelt! Bessarabiens Grofjrabbiner. Es ist der Mensch des Menschen ärgster Feind! — der Rabbiner ists, der diesen Satz zitiert. Ein Patriarch, ein Weiser. Eine imponierende Erscheinung, wie aus einem Rembrandt-Blatt geschnitten. Fast zwei Menschenalter schon ist er Künder des Gotteswortes; 28 Jahre hat er in der Ukraine gewirkt, seit 25 Jahre amtiert er in Kischinev, ein Lehrer, Berater, Führer seiner Gemeinde: der Großrabbiner Bessarabiens, der ehemalige Senator L. Z i r e I s o n. Er hat in seinem langen Leben viel gesehen, viel erlebt, erlitten; das Leiden seines Volkes will kein Ende nehmen. Ihm bekümmert die Hitlerei, die wie eine Epidemie alle Völker erfaßt und gegen die Juden aufgebracht hat. Gibt es eine Hoffnung, gibt es einen Trost? Es gibt einen. Rabbiner Zirelson zeigt uns seine Antwort, die er auf eine Umfrage der Pariser Zeitschrift „Menorah" gegeben hat, sie ist wert, im Auszug hierher gesetzt zu werden. Dies schrieb Zirelson, eine alte Legende nacherzählend : „Als Noah seine Arche baute, wollte mit — die Lüge. Allein durfte sie nicht mit, sie brauchte Begleitung, und dies war das Unheil. Das machte alle Anstrengungen der Lüge zunichte." „La compagne du mensonge est toujours la ruine." Den deutschen Juden sei es Trost in ihrem Leid. So dunkel auch die Zukunft — auch die Zukunft der Juden Rumäniens —, sie kann die kulturelle Arbeit innerhalb der jüdischen Gemeinde Kischinevs nicht hemmen. Da leuchten die Augen des alten Herrn, da kann er mit freudigem und berechtigtem Stolze berichten: hier in Kischinev herrscht bei aller äußeren Enge und Dürftigkeit ein reges kulturelles Leben. Hier herrschte es von jeher. 1816 ist die erste Synagoge gegründet worden; die Haskala fand hier ein lebhaftes Echo, die erste weltliche jüdische Schule wurde 1838 errichtet. Heute gibt es zahllose jüdische Schulen, darunter eine berühmte Mädchenfortbildungsschule; es gibt auch nach Frankfurter Muster ein weltlich-orthodoxes Gymnasium. Volksküchen sorgen dafür, daß mittellose Kinder täglich ihr warmes Essen bekommen. Vier Rabbiner sind tätig, ein Rabbiner-Seminar nimmt sich des Nachwuchses an. Ein jüdisch-kulturelles Zentrum. Ja, aus der Defensive ist den Juden hier Kraft erwachsen, sie haben den Weg zu sich zurückgefunden, zu einer Erneuerung ihrer jüdischen Kultur. In der neuhebräischen und in der jiddischen Literatur ist das sichtbarlich zum Ausdruck gekommen. Daß Kischinev Zentrum einer solchen jüdischen Kultur werden konnte, ist vornehmlich dem unermüdlichen Schaffen eines Mannes zu danken : Z a I m a n R o s e n t a I. Rosental ist selbst ein Kind der Weinberge Beßarabiens. Er hat sich in der Welt umgetan, bis er nach Kischinev zurückkehrte. In Odessa trat er Bialik nahe; in Wien hat er studiert, früh für den Zionismus entflammt. Seine erste „Novelle" schrieb er in hebräischer Sprache, durch seine jiddischen Kinderlieder ward er populär. Vor 13 Jahren hat er in Kischinev die Zeitung „Unser Zeit" mitbegründet, die einzige jiddische Tageszeitung Rumäniens; er leitet sie als Chefredakteur seit ihrem Bestehen. Sie ist aus den jüdischen Häusern Bessarabiens nicht wegzudenken, ist mehr als Zeitung, ist moralische Stütze der Juden Bessarabiens geworden. Für die literarische Regsemkeit in dieser Ecke des Reiches legt der eben zum ersten Mal erschienene, von Rosental herausgegebene hebräische Almanach „Perudoth" beredtes Zeugnis ab. Respekt erheischt, was hier ein Mann, fernab der großen Kulturzentren, mit bescheidenen finanziellen Mitteln, aber mit zielbewußter Energie neben seiner Tagesarbeit geleistet hat. Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß es Rozental war, der im Hungerjahr, das Bessarabien 1930 heimsuchte, aufrief zur großen Hilfsaktion. 15 Millionen Lei wurden damals unter seiner Ägide aufgebracht. Dr. E. Cohn, Bukarest 25