Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/8245601-8695759-8695767--567-8246029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das jüdifche Zentrum Bessarabiens: JCUcjiutev. Von Jassy, der alten Hauptstadt des Fürstentumes der Moldau bis Kischinev braucht der Schnellzug kaum drei Stunden. Das ist nicht viel. Viel größer als diese äußere Entfernung ist die innere Distanz, sie ist beträchtlich, sie erfordert innere Umstellung. Jassy das ist Nocheuropa, Kischinev Nichtmehreuropa. Jassy, eine hübsche, gepflegte Mittelstadt, reizend gelegen, wie man sie ähnlich in großer Zahl allenthalben finden kann, ist nicht weiter originell. Kischinev dagegen ist für den, der aus Westeuropa kommt, viel origineller, weil es so ganz andersartig ist. Nicht etwa östlich-balkanisch, sondern typisch-russisch. Es dauert gute Weile, bis man vom Bahnhof zum Stadtkern vordringt, bis aus dörflichen Hüttenreihen Häusergruppen auftauchen. Aber nicht die Häuser, sondern die kleinen einstöckigen, kunstlos und leicht hingesetzten Wohnbaracken, wie man sie nennen könnte, geben Kischinev das eigentliche und eigentümliche Gesicht. Eben das fremdartige russische Aussehen. Nun, der politisch Kundige weif), dar} Bessarabien ein altes Grenzland, ein ewiger Zankapfel und stetes Kampfobjekt zwischen Rußland und Rumänien gewesen ist. Seit dem großen Kriege, der neuen Grenzsetzung, gehört es wieder zu Rumänien. Noch ist die Zeitspanne zu kurz, als daß es völlig rumänisiert worden wäre. Man merkt es an dem Zweisprachensystem, in rumänischer und in russischer Sprache sind alle öffentlichen Anschläge gehalten. Alle Einwohner Kischinevs, mit Ausnahme der später hinzugezogenen Beamten, können russisch, haben noch ihre russischen Zeitungen, und — müssen rumänisch lernen. Und noch eine dritte Sprache ist ihnen geläufig: das Jiddische. Denn Kischinev ist das jüdische Zentrum Bessarabiens. Von den 130.000 Einwohnern Kischinevs, die man 1930 zählte, sind 80.000 Juden. Typisch russisch ist schon die Landschaft: hügeliges Steppenland, es fehlt das Grünland, fehit der grüne Busch, der grüne Wald. Baumlose Wüstenei, der prallen Sonne ohne Erbarmen ausgesetzt. Dazu die armseligen Hütten und Gehöfte, die weit verstreut im breiten Tale liegen. Viele mit unbeholfener Hand bunt angemalt; wie lustige Tupfen wirken sie von ferne auf einem Landschaftsbild. Und darüber wölbt sich, heute am Ostersonntag, ein wölken- ÄÖk ra&ca VII. Kalserstr.123, IX., Alaerstr. 6 loser blauer Himmel. Rivierahimmel, der so gar nicht hierher zu passen scheint. Verschwenderischer Reichtum des Südens fand hier sein Gegenstück in bedrückender Armut und Dürftigkeit. Ein Bild, das schwermütig stimmt . . . Man kennt diese menschlichen Siedlungen, kennt sie aus Kriegstagen, kennt die so primitiven Landwege, die ein Regenguß rasch unpassierbar machte, und man kennt die leichten russischen Wägelchen; hier hört man es wieder, das Schellengeläut, das die Pferdchen stolz im hohen Aufbau mit sich tragen. Bilder, längst vergessene, tauchen auf. Das war im Frühherbst 1915 in Galizien, beim Vormarsch der Bugarmee unter General Linsingen. Da sind wir mühsam durch Steppenland unter heiler Sonne weiter, immer weiter in das heilige Rußland gezogen, da haben wir in verlassenen Hütten kampiert und oft, wie oft im Freien genächtigt, gefroren, denn die Nächte waren schon bitterkalt. Ja, das war die Zeit, die große Zeit, da auch Nichtariern der Zutritt zum Deutschen Heere offen stand. Nicht nur erlaubt, sondern erwünscht, gefordert war. Geschenke nach allen Orten der Sowjet-Union besorgt raschest und spesenfrei ToAfrSin Auskünfte, Preislisten, Bestellungen durch Handelsvertretung d.UdSSR,Wien I.Wallnerstr.9 Auf dem Friedhof. Und es war genau vor 31 Jahren, an den russischen Ostertagen, da der Pogrom in Kischinev wütete. Damals hat man zuerst von Kischinev gehört, niemals mehr hat man den Namen seitdem vergessen. Er hat sich eingebrannt in die Erinnerung aller Juden. Und so ist denn auch unser erster Gang zum Friedhof, dort, wo die Opfer des Pogroms begraben liegen, von 1903 und 1905, da der Pogrom während der russischen Oktoberunruhen sich wiederholte. Auch dies ein Weg zum Grab des „Unbekannten Soldaten". Die Pogromtaktik, wichtig zu erinnern, hat sich vielleicht in unserer „aufgeklärten" Zeit verfeinert, nicht verändert. Es ist immer das gleiche Spiel, es beginnt mit heftiger antisemitischer Propaganda in der lokalen Presse, in den Verbänden. Das geht so lange, bis die sattsam bekannte Volksseele zum Kochen gebracht ist. Kommt es dann zur Entladung, so stehen die Behörden, wenn nicht Gewehr bei Fuß, so mindestens machtlos den sich überstürzenden Ereignissen gegenüber. Wenn sie sich schließlich zum Eingreifen aufraffen, dann ist es regelmäßig zu spät. 24