Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/8245601-8695759-8695767--566-8246028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Herr Lehrer, schreiben Sie noch den Emanuel auf, den hab ich ganz vergessen." Die größte Schwierigkeit verursachte dem Vater das Eintragen der Kinder in die Matrikel. Damals herrschten patriarchalische Verhältnisse, denen zufolge der Vater wählen konnte. Er konnte die Kinder entweder in die jüdische Matrikel in Brandeis oder in die katholische in Sluh einschreiben lassen. Der Vater gab der katholischen den Vorzug, obzwar er Jude war, aber er lebte mit den Herren der Kultusgemeinde nicht in gutem Einvernehmen, sie ersannen immer wieder neue Abgaben — mit dem Herrn Pfarrer aber verstand er sich vorzüglich. Außerdem hätte er nach Brandeis mit jedem Kind extra laufen müssen — während der Herr Pfarrer ein einsichtsvoller Herr war. Er wußte, dal} ein armer Mensch nicht immer Zeit hat, mit jedem einzelnen Kind zu kommen und schloß beide Augen, wenn der Vater zwei bis drei Kinder auf einmal eintragen lief}. Die Zahl der Kinder, die in der Matrikel eingetragen werden sollten, merkte sich der Vater recht und schlecht. Schlimm war es mit den Namen. Mit den Namen seiner Kinder hatte der Vater überhaupt seine rechte Not. Er mußte gewöhnlich alle zusammenrufen, bevor er das Richtige traf. Ehe der Vater in Sluh anlangte, hatte er in der Regel die Namen der neugeborenen mit den Namen der älteren Kinder, die längst schon eingetragen waren, verwechselt. Und so geschah es, daß in der Sluher Matrikel, was unsere Familie betraf, ein furchtbares Chaos herrschte. Einmal bat die Mutter den Vater, er möge einen neuen Familienzuwachs wieder eintragen lassen. Der Vater wollte absolut nicht gehen und versicherte, er habe das Kind schon im vorigen Jahr eintragen lassen. Die Mutter konnte sich vor Staunen nicht fassen. „Der Junge ist aber heuer doch erst geboren?" „Trotzdem ist er schon im vorigen Jahr eingetragen worden", erklärte der Vater. „Ich sollte voriges Jahr nur zwei Kinder einschreiben lassen, lief) aber lieber gleich drei eintragen." „Hast Du denn gewußt, was es sein wird, Bub oder Mädel, und wie es heilen wird?" ereiferte sich die Mutter. Aber der Vater beruhigte sie: „Das ist ganz egal, ein Kind ist wie das andere, und ein Name ist wie der andere." Ich habe diese alten Familiengeschichten längst vergessen, erst in der letzten Zeit tauchten sie aus der Versenkung des Vergessens auf. Ich wurde nämlich immer wieder gefragt, wann ich geboren wurde. Meine Freunde fragten immer eindringlicher, mit einer Ausdauer, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Ich bin natürlich geboren, aber wann — das weif} ich nicht. Mir genügt das Bewußtsein, daß ich Fußschmerzen? Ursache: BeginnenderSenkfuß oder aufs geratewohl gekaufte Einlagen. Abhilfe: Die modernst konstruierten Pedifrit- Einlagen. sorgfältigst angepaßt im erstrangigen Fachinstitut Bandagen-ltlThDlusch Wien, TaborstraOe 22 Wertvolle Spezialbroschüre gratis! geboren bin. Aber, als meine Freunde diese Frage so eindringlich stellten, begannen auch mich Jahr und Tag meiner Geburt zu interessieren. Ich dachte, dal} mir die Freunde ein Geschenk zum Geburtstag machen wollten und es leichtsinnig wäre, mich dieses Geschenkes zu berauben. Ich entschloß mich zu einer energischen Tat. Ich schrieb dem Herrn Pfarrer nach Sluh, weif} Gott, der wievielte Pfarrer es seit meiner Geburt war, und bat ihn ergebenst um Einsendung des Auszuges aus der Matrikel. Ich schrieb, daf} ich weder Tag noch Jahr wisse, es müsse etwa zwischen dem Jahre 60 und 70 des vorigen Jahrhunderts sein. Mit klopfendem Herzen erwartete ich die Antwort. Sie kam schon am dritten Tag. Der Herr Pfarrer schrieb, es sei eine schwere Sache, denn aus den Eintragungen, die unsere Familie betreffen, werde weder Gott noch ein Heiliger kiug, umsoweniger ein gewöhnlicher Pfarrer. Zwischen den Jahren 1860 und 1870 seien in der Matrikel unserer Familie neunzehn Kinder eingetragen. (Ich weif} ganz bestimmt, daf} wir nur siebzehn waren.) Darunter sind von 1860 bis 1870 drei Adalberte. Den Dreier hatte der Pfarrer unterstrichen Der erste Adalbert wurde am 21. Oktober 1861 geboren, der zweite Adalbert am 14. Mai 1863 und der dritte und letzte Adalbert am 7. Feber 1867. Ich möge mir also von den drei Adalberts einen aussuchen und dem Herrn Pfarrer schreiben, welcher Adalbert ich eigentlich sei. Ich habe zwei ganze Nächte nicht geschlafen und mich in der dritten Nacht entschlossen, daf} ich mir keinen von den drei Adalberts aussuchen werde. Es wäre eine Sünde, eine so wichtige Sache dem Zufall zu überlassen. Wenn ich solange ohne Kenntnis von Jahr und Tag meiner Geburt leben konnte, so werde ich es auch für den restlichen Teil meines Lebens aushalten. Ich teilte diesen meinen Entschluß dem Herrn Pfarrer nach Sluh schriftlich mit und bitte meine Freunde, nie wieder zu fragen, wann ich geboren bin. Ich weif} es wirklich nicht. Abonnieren Sie das Wiener Jüdische Familienblatt! 23