Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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- I ADALBERT RAKOUS: Von'Sinem, detnM wußte, wann e* geboten wwde Ich glaube es schon einmal niedergeschrieben zu haben, dah unsere Familie einige Dezennien hindurch den Primat vor allen Alt-Brazdiner Familien aufrecht erhielt, die größte Anzahl von Kindern zu haben. Nicht, dafj in anderen Familien Mangel an diesen nützlichen Geschöpfen geherrscht hätte, aber bei uns waren besonders viele Kinder. Einmal im Sommer buck die Mutter Liwanzen am Feuer. Im Sommer galt für uns Kinder der Dorfplatz als Speisezimmer. Inmitten von Gänsen, Hühnern und Schweinen, Eigentum des ganzen Dorfes, nahmen wir regelmäßig unsere Mahlzeiten. Ohne Besteck und Servietten. An jenem Tage lief einer nach dem andern von uns Kindern durchs Tor in unser Sommerspeisezimmer, das mit grünem Rasen belegt und mit dem Himmelsgewölbe bedeckt war. Jeder trug die ihm gehörige Portion Liwanzen auf der Handfläche. Am anderen Ende des Dorfplatzes waren Maurer beschäftigt. Sie waren über Land gekommen, kannten die Verhältnisse in Brazdin nicht und bauten dem Nachbarn eine neue Scheune. Sie schauten uns eine Weile zu, dann machte sich ein älterer Geselle auf den Weg und ging direkt auf unsere Hütte zu. Er marschierte schnurstraks in die Küche zum Herd, an dem die Mutter stand. Und er bat, sie möge ihm auch um ein Sechserl Liwanzen verkaufen. Die Mutter erwiderte, sie backe die Liwanzen nicht zum Verkaufe, sie seien das Mittagessen für die Familie. „Aber alle Kinder im Dorfe holen sich die Liwanzen von Ihnen", meinte der Maurer. „Das sind nicht die Kinder aus dem Dorfe, das sind unsere Kinder", sprach die Mutter. „Die alle sind Ihre Kinder?", wunderte sich der Maurer und schlug die Hände zusammen. „Das sind nicht alle, erklärte zuvorkommend unsere gute Mutter, „die älteren sind schon in der Welt draußen." Es war Konskription im Orte. Wahrscheinlich die erste Volkszählung, denn das ganze Dorf war auf den Beinen. Die Nachbarn kamen beim Bürgermeister zusammen und der Herr Lehrer verhörte jeden Ein- Zimmer- und Dekorationsmaler S. F1P WIEN Gegr.1880 BADEN Au sstellungsraum: Wien I., Mahlerstraße Nr. 11 Telephon Nr. R 27.4.59 Deutsch von Anna Äufednicek zelnen und schrieb alles ein. Jetzt kam der Vater an die Reihe. „Gevatter, wieviele Kinder haben Sie?" „Dreizehn!" lautete Vaters richtige Antwort. Die Zahl hatte er sich gemerkt, weil sie ihm die Mutter zuhause vorgesagt hatte. „Dreizehn", schrieb der Lehrer ein. „Zählen Sie die Kinder auf!" „Der Pepi, die Lotti, die Juli", begann der Vater und so ging es eine Weile fort. Als er die Litanei beendet hatte, zog der Herr Lehrer einen Strich unter die Namen und zählte sie zusammen. Er schüttelte den Kopf. Die Rechnung stimmte nicht. „Gevatter, he, Sie haben ja nur elf aufgezählt, zwei fehlen noch. Nennen Sie sie noch einmal." „Der Pepi, die Lotti, die Juli . . ." begann der Vater geduldig von neuem. Als er fertig war, waren es doch nur wieder elf. „Dann haben Sie wahrscheinlich doch nicht mehr als elf?" bemerkte zweifelnd der Herr Lehrer. Der Vater sprach immer die Wahrheit und sagte daher: „Die Mutter hat mir zuhause gesagt, darj es dreizehn sind." Architekt und Stadtmaurermeister. Spezialist übernimmt Geschäftslokal- und Wohnungsrenovierungen, Industrie- und Foutrungsanlagen etc. Rasche Ausführungen, Pläne und Voranschläge J. Reiter, Wien XVI., Wilhelminenstr.121 „Sie haben die Nanne vergessen, Vater", ertönte eine Stimme bei der Tür. Es war der Gemeindediener, der sich dieses vergessenen Sprossen unserer Familie erinnerte. „Ja freilich!" gestand der Vater. „Die Nanne habe ich ganz vergessen." „Schön, also die Tochter Anna", schrieb der Herr Lehrer. „Wo soll man aber jetzt das dreizehnte auftreiben?" Der Vater sah sich ratlos nach den Nachbarn um. Aber alle, selbst der Gemeindediener, schüttelte den Kopf zur Bekräftigung, daf) sie von einem weiteren Kind des Vaters nichts wüßten. „Ich will Ihnen was sagen", rief der Bürgermeister", gehen Sie nachhause, vielleicht wird es die Mutter wissen. Aber kommen Sie gleich wieder zurück und sagen Sie uns, was Sie erfahren haben." Nach einer kleinen Weile kam der Vater zurück. Er lächelte zufrieden. 22