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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-01-01 · 14 (Jänner 1935) · p. Seite 21

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
14 (Jänner 1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 21 (sequence 23)
Language
German
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Gustav Seidemann, Wien: POi JlyPBSCIHIi IFAKIMIi Den größten Teil meines Lebens habe ich in Bosnien verbracht. Ich denke immer mit einem Gefühl der Freude, der Wehmut und der Befriedigung an die Zeit zurück, da ich mich in diesem Lande seelisch, jüdisch frei, ausleben konnte, ich mir nicht nur unter den Juden, sondern auch unter den Serben, Kroaten und Türken wirkliche Freunde erwerben konnte. In Bosnien war es üblich, daß bei feierlichen Anlässen, teils freiwillig, teils von amtswegen beflaggt wurde. Anfangs sah man nur die schwarz-gelbe österreichische und auch die grün-weiß-rote ungarische Fahne. Später erschienen daneben die kroatische, serbische und auch die türkische zur Bekundung, daß in dem Hause ein Serbe, Kroate oder Türke wohne. Die Juden hinten nur die Staatsfahne, sporadisch sah man auch die kroatische, ungarische oder serbische, je nach der Orientierung des betreffenden Juden. Ich bin gewiß kein Chauvinist, aber mein Bekennen zum Judentum, zum jüdischen Volke, war schon von Kindheit an in mir fest verankert. So gab es für mich in der Fahnenfrage nur eine Lösung: Ich bat eines Tages — es kam wieder der festliche Anlaß zur Beflaggung — meine Frau, die, aus assimilitärischem Hause stammend, doch volles Verständnis und später völlige Hingabe für meine jüdische Einstellung fand, um Herstellung einer jüdischen Fahne. Und am 18. August, dem Geburtstage des damaligen Kaisers, hing an meinem Hause neben der Staatsfahne die jüdische blau-weiße mit dem Davidstern in der Mitte. Es mag das damals die erste jüdische Fahne gewesen sein, die bei einer öffentlichen Feier an einem Privathaus hing. Es gab ein gewisses Aufsehen; die Bevölkerung von Prijedor hatte diese Fahne noch nie gesehen, es wurde viel kritisiert, teils zustimmend, teils ablehnend. Die einzige Persönlichkeit, die die Fahne hätte verbieten können, der damals allmächtige Bezirksvorsteher, ein geistig hochstehender Mensch, verstand meine Gründe zu würdigen, die ich ihm auf seine Frage klarlegte. Und so blieb die Fahne durch Jahre hindurch — ich hatte die Genugtuung, dal} nicht nur die Juden von Prijedor, sondern auch vielfach in ganz Bosnien meinem Beispiel folgten. Die nichtjüdische Bevölkerung hatte volles Verständnis für nationale Selbstachtung und Würde. Jedes Renegatentum war in ihren Augen verpönt. Eines Tages frug mich der Bezirksvorsteher, warum ich mich immer als Jude zu erkennen gebe. Ich antwortete: Weil ich immer als Jude gewertet werden will. Ich will verhüten, daß man mich vielleicht einmal beleidige durch die Bemerkung: „Ich habe nicht gewußt, dal} Sie Jude sind." Es ist gewiß keine Unbescheidenheit, wenn ich erzähle, dar) es in der Stadt keine offizielle Veranstaltung gab, zu der meine Frau und ich nicht zur Mitwirkung eingeladen wurde, und daß einmal ein Wohltätigkeitsfest auf acht Tage verschoben wurde, weil wir wegen des Jomkipurtages eine Mitwirkung ablehnten. Ich denke mit großer Befriedigung daran, dar) ich mir die Erlaubnis erwirkte, den in Prijedor als Geisel internierten serbischen Geistlichen, den Popen Nikola Jostic, zu besuchen, mit ihm zu verkehren, ihn als Gast in meinem Hause empfangen zu können und ihm seine gewiß schwere Zeit zu erleichtern, daß jüdische Soldaten sich immer an mich wandten, wenn sie glaubten, einer Unterstützung, einer Intervention zu bedürfen. Es kam die Zeit des Umsturzes. Die österreichischen Soldaten hatten Prijedor verlassen — es kam ein Aufruf, die Häuser zu beflaggen, da serbisches Militär einrücken werde und feierlich zu empfangen sei. Ein junger serbischer Student kam zu mir und machte mich drohend darauf aufmerksam, daß es nicht gestattet werden würde, daß ich wieder die jüdische Fahne hisse, die früher neben der schwarz-gelben hing. Ich ging zum Führer der Serben und sagte ihm: „Du weilet ganz gut, warum ich immer die jüdische Fahne ausgehängt habe. In früheren Zeiten habt auch Ihr, die Serben, die Kroaten und die Türken die schwarz-gelbe Fahne ausgehängt. Da es noch keine Staatsfahne gibt, werde ich entweder die jüdische Fahne allein aushängen oder gar keine, denn ich werde mich nie und nimmer zu einem anderen Volke bekennen, als zu dem jüdischen." Da sagte der Führer: „Hänge nur die jüdische allein aus, wir kennen Dich, und wenn der junge Mann noch einmal zu Dir kommt, dann sage ihm, er bekommt von mir eine Ohrfeige, an die er zeitlebens denken würde." Es war ein sonnenheller Tag, als die Serben einzogen. Hoch zu Roß ein Hauptmann. Mein Haus stand am Beginn der Hauptstraße, mußte also gesehen werden. Noch heute sehe ich das Gesicht des Hauptmannes, wie er fragend die jüdische Fahne anblickte, gewiß die erste jüdische Fahne, die er gesehen hatte. Der Tag sowie die folgenden vergingen ruhig. Eines Vormittags kam der Hauptmann in mein Geschäft; zuerst kaufte er eine Kleinigkeit, dann frug er mich plötzlich: „Sage einmal, was war das für eine Fahne, die an Deinem Hause hing?" — „Die jüdische ist es", antwortete ich. Da reichte er mir die Hand und sagte: „Recht hast Du, wir haben für die Freiheit unseres Volkes gekämpft, kämpfe Du auch für die Freiheit Deines Volkes." Er war sichtlich gerührt und ich nicht minder. Jahre vergingen — ich verlief) Bosnien, kam in andere Länder, wohnte in deutschen Städten. Und dort in den deutschen Städten, wo die Bewohner mit einer gewissen Verachtung auf die ,,B a I k a n v ö I k e r" herabblicken, hatte ich nicht die Freiheit, die jüdische Fahne zu hissen — — sie wird wohl schon im Kasten ruhen, bis sie einst meinem Sarg als Hülle dienen wird. j^Bjjl ©BliNHiPPOeH Bettelheim & Jomek, Wien I., Rotenturmstraße Nr. 27 21

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