Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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BEB ©EILBE F1ECK.....* %# Das dreizehnte Jahrhundert, die Blütezeit der Scholastik im Spätmittelalter, brachte für die Juden viel Unheil. In dieser Zeit wurden die Vorboten der religiösen Spaltungen der Reformationen der Kirche offenbar, da die aufkeimenden Tendenzen der späteren Aufklärung mit dem langsamen Fortschreiten naturwissenschaftlicher Betrachtung zum Vorschein kamen. Der Kampf zwischen Glauben und Wissen Prager jüdische Familie mit Judenabzeichen um 1500 brach hervor und führte innerhalb der Judenheit und der Christenheit zu schweren Auseinandersetzungen. Gegen die Albigenser in Frankreich richtete sich der von Papst Innozenz III. verkündete „innere Kreuzzug", dessen blutigen Vollzug die Inquisition zu besorgen hatte. Heute weif} man, dal} bei diesen blutigen Kämpfen nicht nur der Widerstreit von Glauben und Wissen, sondern auch der Separatismus einzelner Völker und Länder gegen eine Zentralgewalt eine wachsende Rolle gespielt hatte. Nicht nur um einen Dogmenstreit ging es innerhalb der Christenheit, um die Ablehnung der Anbetung der Mutter Gottes, der Heiligenbilder und Reliquien durch die „Albigenser", sondern auch um eine Auflehnung gegen die Zentralgewalt des Pabstes und um die geistlichen Vorrechte des dem Papst unterstellten Klerus, das Recht auf Beichte usw. Bei den Juden ging der Streit um Moses Maimonides, dessen Schriften und dessen Anhänger von der jüdischen Orthodoxie leidenschaftlich bekämpft wurden. Es waren geistige Kämpfe, in deren Schatten die heute auslaufenden Jahrhunderte der Neuzeit heraufgezogen waren, gleich giltig für Christen und für Juden, ausgefochten im Namen des Glaubens und der Autoritäten der Gläubigen. Aus dieser Zeit ist ganz allmählich die Reformation als Kirchenspaltung und in anderer Form der heutige Gegensatz im Judentum von Orthodoxie und Reformertum im weitesten Sinne hervorgegangen. Zu einer gemeinsamen Linie dieser Kulturkämpfe blutiger Art zwischen den verschiedenen Glaubenssphären der Juden, Christen und Mohammedaner ist es nicht gekommen. Es konnte dazu auch gar nicht kommen. Der Kirche stand die geistliche Gewalt des Klerus und die weltliche Gewalt der Fürsten zur Verfügung, die Gerichte der Inquisition und die Exekution der Staatsgewalt mit ihren Autodafes, den Verbrennungen der Ketzer in öffentlicher Schaustellung. Den Juden stand nur der Cherem, der Bann zur Verfügung, den sich die beiden Streitteile gegenseitig zuschleuderten. Solch ungleich geartete Mächte konnten keine gemeinsame Sache machen und als dies im Jahre 1233 von den orthodoxen Juden in Montpellier durch Salomo aus Montpellier und Jona Gerondi dennoch versucht wurde und zu Talmudverbrennungen geführt hatte, da wurde dieses jüdische Vorgehen als Verrat am Judentum angesehen und von denjenigen, welche die christliche Macht zu Hilfe gerufen hatten, später tief bereut und mit Buhe gesühnt. Ganz im Gegenteil. Die Christen schoben den Juden am Erstarken der Sekte der Albigenser die Schuld zu und die mit der Angelegenheit von Papst Innozenz III. befafyte 4. Lateransynode vom Jahre 1215 forderte einen Kampf gegen die Judenheit. Wegen der Geldgeschäfte beispielsweise wurde unter anderem beschlossen: „Je entschiedener die Christen kraft der Gebote ihrer Religion von der Zinserhebung bei Gelddarlehen Abstand nehmen, um so eifriger geben sich mit derartigen Geschäften die ungläubigen Juden ab, um in kürzester Frist christliches Hab und Gut zu verschlingen. Um die Christen vor der Bedrückung seitens der Juden zu beschützen, treffen wir daher durch Konzilbeschlufj folgende Verfügung: Sollten die Juden den Christen unter irgendeinem Vorwande beschwerliche und unmärjige Zinsen abpressen, so sollen ihnen jegliche Geschäftsbeziehungen mit Christen, solange sie diese von der unerträglichen Last nicht befreit haben, untersagt bleiben." 16