Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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vertont. Die Melodie, welche Meister Franz Lehar dem Gedichte gab, hat seine Popularität noch gesteigert. Ein in der gleichen Zeitschrift am 10. Dezember 1914 abgedrucktes Dankschreiben sagt alles: „Sehr verehrter Herr Kamerad! Lassen Sie mich Ihnen herzlich die Hand drücken für Ihr herrliches Reiterlied: „Drüben am Wiesenrand hocken zwei Dohlen .... Das ist echte Kriegspoesie! Ihre Verse werden tausende Reiterherzen höher schlagen lassen und fortreiten zu unsterblichen Taten. Ich kann gar nicht sagen, wie Ihre Worte mich gepackt haben. Wie wundervoll haben Sie Ton und Klang der alten Landsknechtslieder getroffen. Der Krieg läf;t die Soldatenlieder hervorsprie^en wie wilde Blumen. Die meisten wird der Wind verwehen, aber Ihr Lied wird bleiben und wird Ihnen zu dem Siegeskranze auch den Lorbeer des Dichters um die Schläfe winden. Gott sei mit Ihnen und führe Sie gnädig heim. In treuer Waffenbrüderschaft Ihr aufrichtig ergebener Dr. jur. v. Dickhut-Harrach, Generalleutnant, Gouverneur von Thorn." Diese Stimme der rückhaltlosen Bewunderung eines preußischen Generals ist heute noch nicht verstummt. Eine neue nationalsozialistische Kriegsliedersammlung bringt — man möchte fast sagen selbstverständlich — auch dieses Reiterlied, allerdings als Volkslied, ohne den jüdischen Verfasserzu nennen, der im Dezember 1914 als Reserveleutnant des österreichischen Landwehr-Infanterieregiments Nr. 11 den Heldentod für sein Vaterland gefunden hatte. Dieses Lied lautet: Reiterlied. Drüben am Wiesenrand hocken zwei Dohlen — Fall ich am Donaustrand? Sterb ich in Polen? Was liegt daran! Eh' sie meine Seele holen kämpf ich als Reitersmann. Drüben am Ackerrain schreien zwei Raben — Werd ich der erste sein, den sie begraben? Was ist dabei! Viel Hunderttausend traben in Österreichs Reiterei. Drüben im Abendrot fliegen zwei Krähen — Wann kommt der Schnitter Tod, um uns zu mähen? Es ist nicht schad! Seh ich nur unsere Fahnen wehen auf Beigerad! Auch die Feinde jener Kriegsjahre werden diese Worte echtester Volkspoesie so lesen, wie es die Waffenbrüder des Dichters in der Kriegsstimmung getan haben. Echte Volkskunst kennt keine Grenzen der Gesinnung, sondern greift ans Herz, und ein Kriegs- und Volksliederbuch wird diese Verse abdrucken, auch — wie man nun weif} — im Dritten Reiche, heute, immer und überall. Hugo Zuckermann ist deshalb ein Symbol geworden, weil er für das tiefste Judenproblem die tiefen Dichterworte gefunden und sein Herzblut vergossen hat. Denn sein letztes Gedicht zeigt seine jüdische Gesinnung, wie das Reiterlied die Gesinnung jüdischer Staatstreue und Pflichterfüllung bis zum Tode: Makkabäer. Heute darf ich den Genossen Makkabäerlieder sagen, weil ich selbst mein Schwert getragen und mein rotes Blut vergossen. Heute keine Siegeslieder, heute keine Freudenkerzen, beugt euch mit zerriss'nen Herzen zur entweihten Erde nieder. Noch ist nicht die Zeit vollendet, noch ist nicht das Land gereinigt, noch wird unser Volk gesteinigt, Unsere Tempel sind geschändet. Keiner festlich heilen Stuben siebenarmig Kerzen schimmern — über Scherben, Schutt und Trümmern raufen sich zerlumpte Buben. In den weihedunklen Schulen stampfen die Kosakenrosse, nach dem Lied der letzten Posse walzen zwei betrunkene Buhlen. Unter der Granaten Pochen, die den Friedhof gut getroffen, alle Gräber gähnen offen, speit die Erde Totenknochen. Darum keine Siegeslieder, darum keine Freudenkerzen, beugt euch mit zerriss'nen Herzen zur entweihten Erde nieder! In die harten Hände pressen Sollt' ich fest zwei Erdenbrocken! Meine Rechte werde trocken, könnt' ich deiner je vergessen! Deiner Seufzer, deiner Tränen, deiner Schwären, deiner Schande! Judenvolk im Polenlande, in dem Rachen der Hyänen! Wer ein gutes Schwert kann schwingen, wer noch kann die Büchse tragen, wer da kann die Trommel schlagen, soll den Arm zum Opfer bringen. Wer die Berge kann bezwingen, wen ein flinkes Roh. getragen, wer sich auf den Mast will wagen, soll die Beine uns verdingen. Eure Künste, euer Streben, eure festen Daseinsplätze, eure Häuser, eure Schätze, heischen wir und euer Leben! Euer Leben, daf5 nicht sterbe, Väterart und Vätererbe, macht den Tempel wieder rein, Lafjt uns Makkabäer sein! Als Bürger seines Staates und mit dem letzten Dichterwort: „Laht uns Makkabäer sein!" das ein friedlicher Feldruf aller Juden werden sollte, wirklich aller, fand er den Heldentod. Seine Gattin hat ihn nicht lange überlebt. Das Schicksal hatte die „Sulamith" seiner Gedichte zu enge mit ihm verbunden gehabt. Kurze Zeit nach dem Tode des Gatten erschoh sich die Frau, die keine Jüdin gewesen war, an Hugo Zuckermanns Grab in Wien. Juden können treue Bürger ihres Staates und treue Makkabäer, treue Juden sein, bis zum höchsten Schwung dichterischer Kraft und bis zum letzten Einsatz mit ihrem Leben. Das Schicksal Hugo Zuckermanns ist ein Symbol des Judentums der Gegenwart geworden oder sollte im jüdischen Bewußtsein zur Fahne werden, zur Fahne, die zur Besinnung und zur Einigkeit ruft. 15