Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-01-01 · 14 (Jänner 1935) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
14 (Jänner 1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8245601-8695759-8695767--546-8246008
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

auf diese klare Entwicklung in Österreich aufmerksam gemacht und Abhilfe durch Verständigung vorgeschlagen hatte. Ohne Erfolg. Es ist also nicht so, daß die Frage der Verständigung erst heute aktuell geworden wäre. Sie steht erst heute zur zwingenden Diskussion, sie ist erst heute zur zwingenden Schicksalsfrage geworden. Tatsächlich wäre diese Lage verzweifelnd, wenn man von katholischer Seite nach ehemaligem Rezept einfach die Gretchenfrage nach der Taufe stellen wollte. Diese Frage wird nicht gestellt, auch nicht von dem Kreis, der die „Erfüllung" herausgibt. Sie wird von niemandem gestellt, der irgendwie einen Einfluß besitzt. Man fordert nur eines, als Konsequenz aus dem christlich-deutschen Kurs: Bekenne dich als Jude und anerkenne den Staat Osterreich, wie er heute geworden ist. Das Verlangen nach dem Bekenntnis zu Österreich, wie es ist, macht auch den offen sehenden ,,Assimilanten"-Kreisen das Jawort möglich. Und das Bekenntnis ,,als Jude" sollte den nationalen Kreisen in gleicher Weise das Ja auch programmatisch ermöglichen. Das sind Grundgedanken zur Frage, ob Verständigung oder nicht. W i e die Verständigung vor sich zu gehen hätte oder vor sich gehen könnte, ist auf diesem kleinen Raum nicht zu erörtern. Diese Blätter werden aber immer wieder der Frage Raum widmen, auch dem konkreten Detail. Nur grundsätzlich muß schon in diesem Zusammenhange gesagt werden, daß eine Voraussetzung auf dem Wege zur Verständigung unbedingt erfüllt werden muß: der Glaube an sich als Jude, das jüdische Selbstbewußtsein. Man täuscht sich, wenn man meint, daß ein frisches und nicht aufdringliches, sondern ganz natürliches jüdisches Selbstbewußtsein auf katholischer Seite ungünstig wirken könnte. Im Gegenteil. Wer ständigen Kontakt mit dem katholischen Lager in Österreich pflegt, der weiß aus Erfahrung, daß klares und selbstbewußtes Bekennen der jüdischen Zugehörigkeit und der jüdischen Tradition sympathisch wirkt und die Verständigungsbereitschaft nur erhöht. Klares Auftreten und ebenso klares Eintreten für jüdische Lebensrechte und fürGleichschätzung und Gleichberechtigung der Juden im wirklichen Leben, nicht in toten formalen Verfassungsparagraphen, wird verstanden und geschätzt. Aber leicht ist der Weg der Verständigung nicht. Denn dieser Weg ist mit gewaltigen Schwierigkeiten belastet, die am Problem Österreich haften. Und hier liegt die entscheidende Bedeutung der ganzen Frage. Österreich war und ist das Ziel der eigentlichen antijüdischen Propaganda, die denn auch in Österreich tief und tiefst in die Volksseele eingedrungen ist, gerade dort, wo man den Juden gar nicht kennt, oder nur einzelne Juden, die statt Selbstbewußtsein eine unjüdische Vordringlichkeit bekundet haben. Diese anti jüdische Propaganda ist ein eminent außenpolitisches Problern für ganz Österreich, dem wirksam nur durch klare Verständigung mit den österreichischen Juden entgegengetreten werden kann. Dabei handelt es sich nicht darum, die Hetzerargumente der Propaganda in fruchtloser Apologetik zu widerlegen, sondern die Judenschaft klar und offen in das österreichische Leben einzubauen und einzugliedern, so offen und so klar, daß die Hetzargumente ihre Wirkung verlieren, weil man ihre Lügenhaftigkeit dann erkennt. Dazu kommt, daß die katholischen Kräfte in Österreich den schwersten Abwehrkampf zu führen haben. Sie haben Interesse an wirksamer Bundesgenossenschaft und wir Juden haben ebensolches Interesse an der Unterstützung dieser Abwehrkraft. Es gibt eine klare gemeinsame Interessenlinie, deren Bedeutung weit über die österreichischen Grenzpfähle hinausreicht. Sie ist so stark, daß die einstigen Religionskämpfe füqiich vergessen werden sollen; und beide Teile müssen sie vergessen. Es ist also keine Undankbarkeit und keine Kränkung, wenn man heute sagt, daß das jüdische Vereinsleben in seiner bisherigen Form überlebt ist. Auch stärkere Formen mußten in diesen schweren Umsturzzeiten zerbrechen. Die bisherigen Vereine sollten aber gerade heute beweisen, was sie wenigstens bisher geleistet haben. Sie sollten Menschen erzogen haben, die wie ein Dollfuß für Österreich bereit und befähigt sind, auch das Judentum in der Wirrnis dieser Zeit ins Freie zu führen. Kein Führertum nach odiosem Muster soll hier Platz greifen, sondern ein ehrliches Zusammenarbeiten aller Gutgesinnten und ein ehrliches und emsiges und verantwortungsvolles Streben nach dem Weg, mit dem Ziel einer Gesundung des jüdischen Lebens in Österreich und überall. Den Zionisten sei dabei ans Herz gelegt, daß ein geschwächtes Judentum in Österreich auch für den Palästinagedanken nichts oder nur wenig leisten kann. Ein Judentum, das sich in Österreich umzustellen und einzuordnen und dann zu gesunden vermag, das wird neue Kräfte für gesamtjüdische Fragen und Zielsetzungen bereitstellen können. Es gibt keinen Gegensatz im Judentum, der gegen die Abwendung der Ghettogefahr für das österreichische Judentum als Argument dienen könnte. Es sei denn, man schütze engste Interessenpolitik unter dem Mantel großer Phrasen als Argument vor. Aber solche Dinge verfangen nicht mehr. Es geht um die Existenz von mehr als zweimalhunderttausend Menschen und die werden sich zu helfen wissen, die werden in ihrem Bestreben um Luft und Leben die Bahn freizuhalten wissen von Menschen, die nur sich sehen und an Ihresgleichen vergessen. Darum sei festgestellt: die ganze österreichische Judenschaft wünscht im offenen Bekenntnis zum Judentum und zum Staate Österreich Wege der ehrlichen und beiderseitig befriedigenden Verständigung. Sie muß nur wissen, worum es geht und man darf ihr dieses Wissen nicht vorenthalten. 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.