Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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als Juden zum Studium und zum Leben bringt. Jungen Menschen, denen man die Hand zur Mitarbeit unter der einen Bedingung reicht, daß sie sich als Juden einer österreichischen Kameradschaft offen und ehrlich einfügen, wird keine Sophisterei und keine Geheimniskrämerei den Weg versperren können. Vor allem dann nicht, wenn über diese Eixstenzfragen einmal offen und öffentlich gesprochen wird, fern von geschlossenen Vereinsbuden. Und für die öffentliche Diskussion wird gesorgt werden, im Interesse der Judenschaft in Österreich und sonstwo, denn die gleichen Fragen stehen mehr oder minder klar auch anderwärts dringlich zur Diskussion. Kürzlich ist von Wien aus eine Vernebelung in der kaum begonnenen Diskussion entstanden. Das ,,Pauluswerk" hatte eine Zweimonatsschrift unter dem Titel „Die Erfüllung" erscheinen lassen, welche durch einen Aufsatz des Jesuitenpaters Georg B i c h I m a i r in der Wiener ,,Reichspost" einbegleitet wurde. Der Aufsatz zeugte von solchem Verstehen des Problems der Verständigung von Juden und Nichtjuden, daß routinierte Politiker nach dieser Einbegleitung vermeinten, darj auch die Zeitschrift „Die Erfüllung" nur diese Verständigung „von Volk zu Volk" vorhabe. Bald stellte sich diese Ansicht als Mißverständnis heraus. Man fand, dal} sich die Zeitschrift vornehme, die Juden zur Taufe zu bekehren und stellte den Oberrabbiner von Wien in die Bresche, um gegen diese Tendenz Verwahrung einzulegen. Dabei wurde irrtümlich darauf hingewiesen, daß das Jahr 1934 als heiliges Jahr der Kirche der Judenmission zu dienen hatte. Auf diesen Irrtum kommt es nicht an, wie auch auf eine Flut weiterer Mißverständnisse. Soweit die Herausgeber dieser Zeitschrift selbst betonen, handelt es sich ihnen darum, auch über religiöse Fragen zwischen Katholiken und Juden eine ruhige Atmosphäre zu schaffen, und zwar in einem kleinen Kreis derjenigen Intellektuellen, welche Diskussionen auf höherer Ebene führen wollen. Keine Disputationen, sondern Meinungsaustausch. Aber das Mißverständnis trug Früchte. Man hatte ein neues Argument gegen eine Verständigung zwischen den katholischen Mächter, und den österreichischen Juden gefunden und „warnte" die Juden. Ja, wovor? Gewiß davor, sie mögen in kein Missionsnetz laufen und ihre Seele nicht eir.fangen lassen. Aber kann und darf deshalb, weil sich manche Stelle um Judenbekehrungen kümmert, die Verständigung verleumdet werden? Tatsache ist, daß heute — ein Verdienst Adolf Hitlers — ohne jede Judentaufe und ohne jede Verstimmung darüber, daß Judentaufen abgelehnt werden, eine Verständigung der Juden mit den Katholiken möglich geworden ist, daß heute weite und maßgebende katholische Kreise in Österreich zu solcher Verständigung bereit sind. Diejenigen Juden, welche sich als Juden geben und welche ein jüdisches Selbstbewußtsein besitzen samt einem freien Kopf, stehen daher vor der Frage, ob sie die gebotene Hand ergreifen sollen oder nicht. Praktisch sieht diese Frage folgendermaßen aus: Die nichtjüdische christliche Bevölkerung Österreichs wird politisch und ständisch auf „christlich-deutscher" Grundlage organisiert und sie führt den Bundesstaat Österreich. Wer nicht christlich-deutsch ist, kann dort — in den christlich-deutschen Organisationen und Positionen — nicht dabei sein. Wenn es nun keinen Weg zu einer Verständigung geben könnte, dann — wäre das jüdische Ghetto wieder da. Umgekehrt: Wenn von jüdischer Seite eine Verständigung nicht angestrebt oder nicht akzeptiert wird, dann ist ebenso das jüdische Ghetto wieder da. Es gibt daher nur folgende Entscheidung. Hält man den christlich-deutschen Kurs in Österreich für dauerhaft, dann muß es zu einer Verständigung kommen. Hält man diesen Kurs nicht für dauerhaft, dann kann man auf solche Verständigung verzichten und kann „warten". Da angenommen werden muß, daß niemand wissend die Juden ins Ghetto führen will, m u ß die Frage so gestellt werden. Und wir wollen die Antwort kurz geben: Dieser christlich-deutsche Kurs knüpft an die österreichische Vergangenheit an, die nur vom Jahre 1918 bis zum 4. März 1933 unterbrochen war. Dieser c h r i s 11 i c h - d e u t s c h e Kurs wird daher ganz unabhängig von dem Schicksal von Regierungen und Staatsformen sein und bleiben, weil er österreichisch ist und traditionsgebunden. Und die Traditionsgebundenheit verbindet uns Juden mit ihm. Und aus der Traditionsgebundenheit wurde auch auf katholischer Seite der Verständigung swille mit uns Juden geboren. Es gibt daher für die österreichischen Juden nur die Entscheidung: Verständigung oder Absonderung. Und es besteht gar kein Zweifel, daß die jüdische Bevölkerung Österreichs die Verständigung einer Absonderung (einem Ghetto) vorzieht. Daher wird sie kommen. Gegen die Verständigung wird eingewendet, daß sie zu Abmachungen führen könnte, welche wieder ein Schreckgespenst an die Wand malen: den „numerus clausus". In diesem Punkte kann man die Öffentlichkeit leicht beruhigen. Was droht, ist heute kein „numerus clausus", keine „Beschränkung" einer Berufszulassung der Juden auf die Verhältniszahl in der Bevölkerung, sondern ein „numerus nullus", das Nichtvorhandensein von Juden in vielen Berufen. Dieser numerus nullus ist keine Drohung, sondern eine Wirklichkeit, die nicht dem neuen Kurs entstammt, sondern die im Stillen seit eineinhalb Jahrzehnten geworden ist und für die Blindgläubigen erst in letzter Zeit sichtbar geworden war, weil die Existenzdecke in Österreich gering geworden ist. Und weil — die Ständeorganisation mit ihren Vorschriften diese Tatsache deutlich signalisiert und offenbart hatte. Ich darf darauf verweisen, daß ich seit ungefähr zehn Jahren 2