Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 14 (Jänner 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WH Mi® JIUPBSCNIS FÄ MI IL Di M ÜHÄTIT Redaktion und Verlag: Wien I., Petersplatz 7 Telephon U-210-17 3. Jahrgang Teweth-Sch'wat 5695 - Jänner 1935 Nummer 14 QßioJüUy oxLex l/jßKStähxLLojjjh/L ^^^^Ww WWF^^FV^W Die jüngste Entwicklung hinsichtlich der jüdischen Lebensprobleme hat die bisherigen Grundanschauungen im jüdisch-politischen Getriebe auf den Kopf gestellt. Die Juden sind eben keine Ausnahmserscheinung in dem Sinne, daf) die gewaltigen Umwälzungen unserer Tage gerade an ihnen spurlos vorübergehen könnten. Die bisherigen „Jüdischnationalen" sind vielfach in ein „Assimilationsfahrwasser" geraten, daf) das Witzwort kursiert, so mancher Exponent der jüdischnationalen Politik wäre als Ehrenpräsident der Assimilantenorganisationen voll geeignet. Beispielsweise stemmen sich jüdischnationale Kreise gegen eine Eingliederung jüdischer Bevölkerungsteile in Österreich in österreichische Gesamtorganisationen, weil dies eine „Assimilation" an das österreichertum oder (das „oder" ist allzu kennzeichnend) der Neubeginn eines Judenghettos werden müfyte. Das heifjt: Eingliederung ohne besondere Betonung wäre „Assimilation", wäre eine Angleichung und Anbiederung an das österreichertum, und eine Eingliederung als Juden wäre ein Judenghetto. Ebenso sträuben sich Jüdischnationale gegen ein „jüdisches Schulwerk". Und umgekehrt gibt es Assimilantenorganisationen, welche offen für ein jüdisches Schulwerk eintreten und welche die Eingliederung jüdischer ß evölkerungsteile in österreichische Gesamtorganisationen als Juden begrüben. Am kennzeichnendsten ist jedenfalls die DoppelangstvorAssimilation und vor dem Ghetto. In Wirklichkeit spukt eben weiten jüdischen Kreisen, insbesondere den politischen Vereinen und ihren Vereinsgenossen das alte Ghetto im Kopfe herum und sie werden es nicht los, weil sie sich noch immer in Erinnerung an ferne Ghettozeiten an dieses Schreckbild erinnern. Aus solchem G e d a n k e n w i r r w a r r gibt es einen einfachen Ausweg. Gerade denken und gerade handeln. Sonst nichts. Man versuche nur, mit solchen Vereinsjuden über die Not der Judenschaft zu sprechen oder ihnen zuzuhören, wenn sie reden. Da wird nach allen Seiten heftigste Kritik geübt, aber nie und nimmer ein normaler Ausweg gezeigt. Immer wird auf Vereinsprogramme verwiesen und stolz betont, darj es nicht auf die Grolle eines Vereines ankomme, sondern nur auf die Programmtreue. Nun ja, grof) sind die Vereine meist nicht. Aber ebensowenig die Programmtreue. Denn ein wirkliches politisches Programm m u f) verwendbar sein. Wer sich nur an den Buchstaben des Programmes hält und diese Art Programmtreue als A.usrede benützt, um stolz auf seine splendid isolation „warten zu können", der versteht sein Programm nicht oder — das Programm dieses Warters ist unverwendbar. Denn heute ist die Judennot grof) geworden, und wenn heute in der Judennot dieses Programm nur ein stolzes Warten vorschreibt oder zuläfyt, dann zum Teufel mit diesem Programm. Gegen diese Wahrheit, daf) die Zeit der Not entscheidet, wer ihr gewachsen sei, gibt es kein Gegenargument, auch nicht mit billigen Sarkasmen. Und auch nicht mit Drohungen und mit Terror, notabene mit ganz sinnlosem Vereinsterror. Man nehme es einfach zur Kenntnis, dar) beispielsweise die Not des jüdischen Studenten durch keinen jüdischen Terror beseitigt werden kann und dar) keine Vereinsdrohungen dagegen aufkommen werden, daf) die jüdischen Studenten um ihr Lebensrecht zu kämpfen entschlossen sind, wenn man ihnen den Weg weist, der sie