Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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ßUMPI Ii; 'Z f r IDTTiyilfl© ROSE RICHTER Ab man noch mit den &ingeto\ aß Iß nicht mit den Fingern! Gewiß hat man euch allen, als ihr noch klein wart, diese Art zu essen verboten. Und doch haben die Menschen jahrhundertelang keine andere Art gekannt, die Speisen zum Munde zu führen. Die Handhabung von Löffel und Gabel ist euch so vertraut und diese beiden Geräte gehören so selbstverständlich zu euern Mahlzeiten, daß ihr euch nur schwer vorstellen könnt, wie es je anders gewesen sein könnte. Gewiß, es gab schon im Altertum eine Art von Gabeln und Löffeln. Man hat einzelne bei den Ausgrabungen in Pompeji, ja sogar auch in ägyptischen Königsgräbern gefunden. Im Museum kann man diese zweizinkigen Gabeln und diese verschieden geformten, aber nie so wie jetzt ovalen Löffel sehen. Bei Tisch bediente man sich ihrer nicht. Die Gabel, deren Zinken oft so lang waren wie der Griff, fand ausschließlich in der Küche Verwendung. Die Löffel verließen manchmal das Bereich der Küche, um in Empfangsräumen als Parfümbehälter zu dienen. Auf den Tisch aber kamen sie nicht. Deshalb aßen unsere Ahnen, welche Löffel und Gabe! für persönlichen Gebrauch nicht kannten, mit den Fingern. Dies war auch bei den so verfeinerten Römern der Brauch. Und noch lange nach ihnen. Zehn Jahrhunderte lang bis ins Mittelalter erhielt sich diese Sitte. Obzwar wir heute diese beiden Geräte gar nicht voneinander zu trennen vermögen, so ist doch der Löffel weit älter als die Gabel. Die Römer hatten eine Art von Löffelchen, mit spitzem Ende, die wohl zum Oeffnen der Eier gedient haben dürften, während andere wahrscheinlich beim Loslösen der Austern von den Schalen Verwendung fanden. Im Mittelalter scheint der Gebrauch des Löffels nur wenig verbreitet gewesen zu sein, da Montaigne, der später lebte, im 16. Jahrhundert ihn „ein seltsames □erat" nennt. Und derselbe berühmte Schriftsteller konstatiert im Jahre 1580 voll Bewunderung, daß man bei den Schweizern immer soviele Löffel verteile, als Gäste bei Tisch seien. Um sein Staunen zu verstehen, muß man wissen, daß mau zu jener Zeit den Gästen nur eine kleiive Anzahl von Löffeln zur Verfügung stellte. Diese mußten sich ihrer abwechselnd bedienen, um aus der gemeinsamen Terrine die Suppe zu schöpfen. Und die Gabel sah man gar erst im 11. Jahrhundert auftauchen und auch da nur höchst selten. Nach Pierre Daumien, Kardinal von Ostia, war es eine byzantinische Fürstin, die um 1050 ihren Gebrauch in Venedig einführte, von wo sie dann nach Frankreich kam. Im Jahre 1379 werden in einem unter Karl V. aufgestellten Inventar zum erstenmal Gabeln erwähnt. Zu jener Zeit war die Gabel höchster Luxus. So sehr, daß die Klöster Frankreichs und Schottlands ihren Gebrauch verboten. Clemence von Ungarn, die Gattin des Königs Ludwig X. und Jeanne d'Evreux, die Gemahlin Karl des Schönen, besaßen je eine einzige. Die Herzogin von Touraine hatte ihrer zwei und der König Karl VI. drei, deren er sich aber bloß bediente, wenn er Obst aß. Ein großer Reisender jener Zeit, Tom Coryate aus Olcombe in England, erzählt, nachdem er, meist zu Fuß, einen Teil Asiens und Europas durchquert hatte, von folgender in Italien gemachter „Entdeckung": „Die Italiener", schreibt er, „bedienen sich einer kleinen Gabel, mit deren Hilfe sie ihre Speisen zum Munde führen, ohne sie mit den Händen zu berühren. Dies ist eine nur den Italienern eigene Sitte." Und die Idee erschien ihm so genial, daß er die Gabel in seiner Heimat England einführte. Lustig ist, daß zu jener Zeit eine ganze Reihe von Vorschriften existierte, welche sich mit der vornehmsten Art, mit den Fingern zu essen, befaßte. Erasmus im 16. Jahrhundert rät den vornehmen Damen und Herren davon ab, ihre schmutzigen und fetten Finger zum Munde zu führen, um sie abz'ulecken oder sie an ihren Kleidern abzuwischen. Es wäre hübscher, rät er, hiezu das Tischtuch zu benützen. Wie weit scheint uns all das zurückzuliegen. Jetzt haben Löffel und Gabel längst Bürgerrecht erworben. Man findet sie überall, vom Holzlöffel in der Hütte bis zu den schönen silbernen und goldenen Bestecken in Schlössern und Palästen. Und man kann sich gar nicht mehr vorstellen, was man ohne sie täte. 39