Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 23 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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eine peinliche Stille; der ganze Stab blickte gespannt auf seinen Chef. Der trat ruhig vor; da verneigte sich der Mittlere der Drei und begann: „Hochgebietender, mächtiger Herr General! Wollen Sie gütigst gestatten, daß der Rosche-kol und die Gemeinde von Lubaczow den großmächtigen Herrn General bitten, er möge ihnen erweisen die Ehre und nicht vergessen, daß seine Wiege hat gestanden zw ei Stunden von hier in Lubaczow. Wollen der Herr General uns schenken die große Freude und aufzusuchen die Stätte, wo sein Vater hat gelebt, der gottselige Advokat Doktor Leib Lederer und zu hören dort den Gottesdienst." Der Gemeindevorstand schwieg. Da trat der Herr Brigadier General Lederer auf die drei Juden zu, reichte ihnen die Hand, einem nach dem anderen, und sagte mit lauter Stimme: „Ich danke den Herren für die Ehre und die liebenswürdige Aufmerksamkeit, die sie mir erweisen. Ich werde morgen um 11 Uhr vormittags kommen. Leider verbietet mir der Dienst, Sie für heute hier länger zu behalten. Nochmals vielen Dank!" Er grüßte sporenklirrend und die drei Männer verbeugten sich und zogen sich zurück; in der Türe stießen sie vor lauter Verlegenheit rücklings zusammen und verließen dann beinahe fluchtartig das Zimmer. Der General wandte sich an seine Herren: „Das freut mich einmal", sagte er, „das ist eine nette, freundliche Aufmerksamkeit. Meine Herren, wer morgen Lust hat mich zu begleiten, ist willkommen!" „Aeh, sehr interessant, wirklich sehr interessant!" murmelten die Offiziere. „So, und jetzt weiter. Das Infanterie-Regiment Nr. 87 wird mit zwei Bataillonen und einer Maschinengewehrkompagnie 2 Kilometer südlich von Hruszow aufmarschieren —." Die Disposition ging weiter. * * * Am nächsten Morgen um 10 Uhr schwang sich der General in hellblauem Waffenrock, schwarzen Hosen mit roten Streifen aufs Pferd; vom Hut wehte der grüne Federbusch. Sein Personaladjutant folgte ihm, dann sein Reitknecht. Da er das Pferd antrieb, dachte er: „Arme, kleine üerti, aus dem Exzellenztraum wird nichts werden; sie werden mich natürlich spritzen. Aber — soll ich mich vor meinem Sohn schämen müssen? Nein! Ohrfeigen kann ich nicht mehr, so kann ichs nur auf meine Weise machen!" Sie ritten über die Landstraße, die tüchtig staubte und im Sonnenglanz blendete. Rechts und links lagen goldene Felder. Die Bauern stellten die Garben zusammen, die wundervollen Duft verbreiteten. Wo man des Generals ansichtig wurde, lief man herzu und grüßte mit Verbeugungen, tief bis zur Erde herunter. Dem Brigadier war es sichtlich wohl zumute. „Siehst du, lieber Schober", wandte er sich an den Hauptmann, „über diese Straße bin ich vor fünfundvierzig Jahren gewandert. Damals warst du noch gar nicht auf der Welt! Und ich war ein kleiner zwanzigjähriger Judenjunge, der gerade zum Militär einrückte und jeden Feldwebel als ein höheres Wesen, ja als eine höhere Macht ansah. Damals hat es gerade so gut gerochen wie heute, die Sonne hat ebenso schön geschienen und ich hab' in meinen kühnsten Träumen daran gedacht, Korporal zu werden. Und jetzt — aber sieh einmal, da ist schon gleich Lubaczow und was ist denn das hier?" Mitten am Weg stand eine Gruppe von Menschen, etwa 15, alle in feierliches Schwarz gekleidet. Zwei in der Mitte hielten eine große Doppelrolle. Der General wurde unruhig, seine Hand zitterte und er fühlte sein Herz schlagen. „Wir werden empfangen, Schober", sagte er. „Hören Sie, Schritt, Herr Hauptmann. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken. Aber eines müssen Sie wissen! Es ist die größte Ehre, die eine jüdische Gemeinde erweisen kann, wenn sie einen Gast mit der Thora, das sind die jüdischen Gesetzbücher, empfängt. Ich bin Jude und bin K. u. K. General, aber werde daraus, was will: ich bin stolz auf diese Ehre." Der General stieg ab und gab dem Reitknecht das Pferd zu halten. Ihm war, als wäre er ein anderer Mensch; als wäre er nicht mehr der berühmte, glänzende Offizier, der beinahe oft vergessen, daß er Jude sei; ihm war es, als wäre er der arme Judenknabe, dem ein Zauber zur Macht verholfen. Er trat vor den Rabbi und neigte sein Haupt. Er führte die Finger zum Mund und küßte die Thora, wie es der Brauch vorschreibt; er empfing den Segen. Er ging in ihr Gotteshaus und hörte den Gottesdienst. Er kehrte zu seinem Brigadestab zurück, ernst und gemessen, mit dem Gefühl erfüllten Pflichtbewußtseins. * * * Das große .Abgeblasen' war vorbei. Die Brigade Lederer hatte sich wacker gehalten. Als der alte General heimkehrte, erzählte er alles seiner Frau, auch seinen Kindern. Seine Frau sah ihn kopfschüttelnd an, doch ihre Augen leuchteten. „Weißt du auch, was das bedeutet?" fragte sie ihr Mann. „Ich weiß, Fritz; ich denke, du hast recht und gut gehandelt." Dann rief sie ihre Buben und sagte: „Da seht, Kinder, euer Vater ist wieder fünfzehn Jahre alt geworden." Am nächsten Tage reichte der General um seine Pensionierung ein. Sie wurde sofort bewilligt. ©BOEMirTEPPDeiKIE Bettelheim & Jomek, Wien I., Rotenturmstraße Nr. 27 23