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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-11-01 · 13 (November 1934) · p. Seite 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
13 (November 1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 22 (sequence 24)
Language
German
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alt ist und nicht mehr fünfzehn; da findet man eher die richtige Antwort darauf. Nun, was hast du ihm gesagt?" „Ich hab' nichts gesagt; ich würde es mit dir besprechen." „Gerti!" „Ich muß dir etwas sagen, Fritz. Schau, ich hab' dich bisher damit verschont; aber es geht manchmal schwer zusammen mit dem Wirtschaftsgeld. Die große Wohnung, das Schulgeld für die Buben, die beiden Mädchen, die ganzen Toiletten, die ich haben muß. — Brauchen könnten wir sie schon, die Feldmarschallleutnantsgage!" Lederer schaute seine Frau ruhig an: „Hm", meinte er dann, „ich hätte gedacht, nach zwanzigjähriger Ehe müßte man sich kennen!" „Und es ist noch etwas: wenn ich mit den anderen Offiziersfrauen zusammen bin, sie sind ja nett und sie haben alle vor dir Achtung, aber schließlich, wenn's darauf ankommt..." „ ... bin ich der Jud und du die Jüdin. - - Die Hunde! Die Hunde!" stöhnte er wieder auf wie vorher im Park. Dann fragte er ruhiger: „Er sprach imj Auftrag vom Erzherzog?" „Ja, er sagt, in noch höherem Auftrag. Sie wollten dich nicht verlieren, sie legen Wert auf dich; und sprach noch von einer neuen Division, und alles würde ganz geheim gehen und ich sollt' dir zureden — und ich weiß selbst nicht — und..., ja, Fritz, was hast du denn, Fritz, so sag doch was!" Der alte Mann schaute seine Frau schon lange nicht mehr an; er hatte sein Gesicht in beide Hände vergraben und schüttelte nur immerfort den Kopf. „Fritz, und fällt es dir denn so schwer? Du sagst ja immer, du glaubst nur an den Kaiser!" Da hob der General den Kopf und sagte sehr traurig: „Das ist es eben, daß ich diese Religion verliere. Wie ich Offizier werden sollte, hat es schon geheißen: er ist ein Jude und dennoch bin ichs geworden. Dann wars so, wie ich Major werden sollte; ich hab' mir immer gedacht: wie leicht haben es doch die anderen, die müssen nur brav und tüchtig sein, dann geht's schon. Und ich bin General geworden und hab' mich geschunden und geplagt, und jetzt heißt es wieder: „Wir wollen dich auch höher oben haben, aber es ist doch nicht gleich, ob Jud oder Christ. Herrgott ja, der Kaiser, das war meine Religion, alles soll gleich sein vor ihm; und jetzt..." Sein Blick fiel in den Spiegel, der ihm gegenüber hing; da sah er plötzlich sein Gesicht, die Haare gesträubt, die Augen rot gerändert. Nun erhob er sich und stand aufrecht vor seiner Frau: „Gerti, sag, meinst du denn das im Ernst? Geht's denn gar nicht mehr so weiter?" „Schwer, Fritz, sehr schwer. Aber wenn du meinst, es muß gehen, dann geht's." Da geschah es den alten Leuten wundersam. Mit einer Bewegung, wie sie sie nur als Junge gekannt, legte sie ihren Kopf an die Brust ihres Mannes und er strich leicht mit der Hand über ihre Haare. Dann richtete er sie auf und sagte: „Geh |etzt ins Bett, Kind, ich komme bald nach!" Und ohne daß er es! wollte, vielleicht ohne daß er es wußte, erhob er seine Hand über ihren Scheitel und machte damit dieselbe segnende Bewegung, die einst sein Vater, der alte Leib Lederer, über ihn gemacht hatte, ehe er ihn zu den Soldaten ziehen ließ. * * * Acht Tage darauf waren die Kaisermanöver in vollem Gange. Sie fanden diesmal im Osten statt und General Lederer hatte vollauf mit der Lösung einer Aufgabe zu tun. Er schrieb kurze Berichte nachhause, nur Grüße an Frau und Kinder; über die Frage der Taufe war kein Wort weiter gewechselt worden. Den ganzen Tag war der Brigadier unterwegs, teils zu Pferd, teils im Auto. Nun hatte das Brigadekommando seit einigen Tagen ein festes Quartier, das recht komfortabel eingerichtet war. Lederer hatte gerade an einem dieser Tage mit seinem Adjutanten eine Inspektionsfahrt unternommen, von der er recht spät erst nachhause kam. Als er sich umgezogen hatte, ging er in die Offiziersmesse, die sein Stab in einem Gutshof eingerichtet hatte und erkannte schon von draußen an den Stimmen, daß eine etwas weinfrohe Stimmung herrschte. Er wollte gerade, ein Scherzwort auf den Lippen, eintreten, als ein Wort, das über dem ganzen Trubel förmlich schwamm, ihn stehen bleiben hieß. „Der Hofjud" klang es vernehmlich, „ja der Hofjud — ja der Hofjud — aber alles was recht ist, sonst ein tadelloser Kerl — na, jetzt ist er ja in der geliebten Heimat — übrigens mächtig angesehen oben — no ja, weißt du, man muß eben hie und da auch so einen mitschwimmen lassen, na ja, wie gesagt, der Hofjud!" Der Herr Brigadier wich langsam von der Türe zurück, ohne zu öffnen. „Herrgott", ging es ihm durch den Kopf, „jetzt ein fünfzehnjähriger Schulbub zu sein Hofjud und Saujud, ist es nicht dasselbe?" Ruhig und unbemerkt, wie er gekommen, zog er sich zurück. Eine Stunde später kam der Adjutant und meldete, daß morgen und übermorgen Rasttage seien auf Befehl des Armeeoberkommandos. * * * Am nächsten Morgen saß Lederer mit einigen Herren seines Stabes in der Kanzlei und ließ sich referieren, erteilte Befehle und disponierte. Mitten drin fiel ihm plötzlich eine merkwürdige Verlegenheit seiner Adjutanten und noch einiger Herren auf. „Ja also, meine Herren, was gibt's denn?" „Herr General, entschuldigen, es ist eine Deputation draußen von — sozusagen von Israeliten aus Lubaczow, die vor Herrn General kommen wollen. Ich wollte es selbstverständlich selbst erledigen, aber diese, diese Herren wünschen Herrn General persönlich zu sprechen." „Also herein mit ihnen, nur schnell, ich hab; wenig Zeit!" Der Brigadier erhob sich und mit ihm sein Stab; eine Ordonnanz öffnete die Türe und herein traten in langen, feierlichen Kaftanen, breiten, goldbordierten Hüten drei alte polnische Juden. Es herrschte zunächst 22

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