Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Worte schon mit ziemlich trockener Stimme; er stützte sich mit beiden Händen auf die Tischkante. Sein Gesicht hob sich scharf vom Fenster ab, sodaß jedes Detail darin deutlich war; er hatte schwarze, recht lebhafte Augen, eine dicke Nase mit breiten Oeffnungen und etwas aufgeworfene, wenn auch nicht unschöne Lippen. Der obligate Offiziersbart war ergraut, die Gestalt breit und aufrecht. „Meine Herren", schloß er, „noch einmal: ich werde Ihnen die heutige Uebung nicht nachtragen.. Aber das eine sage ich Ihnen: Wenn Sie nächste: Woche vor Sr. Majestät ebenso arbeiten, dann passiert dasselbe, was ich vor 25 Jahren in den böhmischen Kaisermanövern erlebt habe. Se. Majestät wendet mitten drin sein Pferd und reitet nachhause. Merken Sie sich das, meine Herren. Guten Abend!" Er setzte die Kappe auf, verbeugte sich kurz und ging unter lautloser Stille, vom Obersten gefolgt, aus dem Zim'm'er. Die Zurückbleibenden blieben einen Augenblick lang noch ruhig. Dann schlug ein Aelterer mit der Faust auf den Tisch: „Das ist aber zum Teufelholen" brüllte er, ,,das ist ja ärger als alle Schilderungen. Jeden Dreck bemerken und verschimpfen; ja und" nun klangen die Stimmen durcheinander und man hörte nur noch vereinzelte laute Rufe deutlich: „Kaisermanöver — Oberst — der Alte — hundsmüd". Und plötzlich klang in tiefem Baß ein Wort auf, das sofort mit Hailoh aufgenommen wurde: „Der Hofjud'!" „Ja, auch noch!" „Bitte, meine Herren, das ist unbewiesen" replizierte ein anderer. „Vollkommen bewiesen!" „Sein Vater war noch Hausierer." „Aber, ist nicht wahr, Advokat!" „Na, wenn schon!" Und immer wieder dazwischen: „Hofjud, Hofjud!..." * * * General Lederer ging aus der Kaserne; er hatte abgelehnt zu fahren, auch die Begleitung des Adjutanten hatte er zurückgewiesen; er hatte Sehnsucht nach Ruhe und Alleinsein. Langsam und mit gesenktem Kopf ging er durch die Gassen, deren Häuser schon vom staubroten Abendsonnenschein beleuchtet waren, den Parkanlagen zu, die unweit der Kaserne lagen und die er auf dem Heimwege kreuzen mußte. Und so gerne er auch auf andere Gedanken gekommen wäre, stets ging ihm der heutige Tag im Kopf herum und erfüllte ihn mit Aerger und Unbefriedigung. „Schließlich", so dachte er, „was kümmere ich mich weiter darum, sollen sie sich selbst herausreiten; mich werden sie nicht aus dem Sattel heben; ich wollte;, ich wäre wieder zuhause." Er war nun im Parke angelangt; einige Kinder spielten, liefen herum; dreie mit Säbeln und Gewehr in sauberen Matrosenanzügen marschierten beifallsheischend an den alten Herrn heran und salutierten; er dankte lächelnd und rief ihnen zu: „Sehr brav, sehr stramm!" Die Kinder leuchteten über das ganze Gesicht, blieben stehen, liefen dann vor und sahen den General keck an. Da sprach er den ersten an: „Wie heißt du?" „Victor Bergmann." „So, und in welche Klasse gehst du denn?" „In die 4 A." MEIj\L-TEE DIREKTER IMPORT „Und du willst natürlich Offizier werden?" „Natürlich!" „Was ist denn dein Vater?" „Dozent für Ohrenheilkunde." „Na, und warum willst denn du nicht Dozent werden?" „Och, das ist ja fad! Offizier ist schöner. Was sind denn Sie? Sind Sie Major?" „Nein, mein Junge, ich bin mehr!" „Oberst?" „Noch mehr!" „Feldmarschall?" „Nein, das wieder nicht!" „Also Generalmajor!" „Ja, das bin ich." „Ach, wie schön, das möchte ich auch werden, so mit einem Säbel herumgehen und kommandieren!" „Ja weißt du, mein Sohn", sagte der alte Herr und setzte sich auf eine Bank nieder, während die drei Buben mit ihren Säbeln und Gewehren sich erwartungsvoll vor ihn stellten, „so einfach ist das nicht; da muß man erst klein anfangen und alt werden, bis man General wird. Und in den Krieg muß man auch, da wird geschossen, da möchtest du dich ja fürchten!" „Nein, ich fürchte mich nicht, ich will Soldat werden und sterben für Kaiser und Vaterland!" „Ah", sagte der General und fuhr dann fort: „aber Ohrenarzt ist doch auch sehr schön; da kann man so viele kranke Menschen gesund machen; ist das nicht schöner, als gesunde Menschen tot zu schießen?" „Uebrigens, eigentlich", sagte der Bub wieder, glaub' ich nicht, daß ich General werden kann; ich bin nämlich Jude und Papa sagt, ein Jud kann nicht General werden." „Mein Junge", sagte der Brigadier und schob den Buben, den er zwischen seine Knie gestellt hatte, wieder von sich fort und stand auf, „ein Jude kann 19