Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 18 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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©IMIBÄIL LEDEßEßv Es war ein heißer Sommernachmittag, der über der Stadt lag-; es hatte tage-, ja wochenlang nicht geregnet und der Staub lag knöcheltief üb/er dem Kasernenhof. Der breitete sich unendlich öd und kahl, begrenzt von vier Rohziegelmauern aus; hie und da ging ein Soldat, ganze Wolken von Staub aufwirbelnd, darüber hin und blieb für kurze Zeit bei einem der Torposten stehen, die sichtlich gelangweilt hin und her gingen. Aus einem der Fenster drangen jämmerliche Mißtöne eines übenden Hornisten. Ein kleines, gelbes Hündchen lief aus einer Türe, schnupperte und legte sich in den spärlichen Schatten eines Randsteines. Ein Soldat, Kasernenarrestant, ohne Waffe, mit einer Kanne in der Hand, spritzte auf, neben ihm ein Posten mit aufgepflanztem Bajonett, der auf ihn achtgeben mußte. Von irgendwoher brachte der Wind den Geruch von Kaffee und Kommißtabak. So lag die Kaserne seit Stunden in drückender Langweile. Da plötzlich sprang das Hündchen auf, spitzte die Ohren und lief, laut bellend und den Kasernenhof plötzlich mit Leben und Lärm erfüllend, zum großen Tor, jagte wieder zurück, setzte sich mitten im Lauf hin, kratzte sich blitzschnell und rannte sofort wieder ans Tor zurück, wo es nun schwanzwedelnd und mit allen Zeichen der Ungeduld und Aufregung stehen blieb. „Was hat denn das Vieh?" fragte der eine TorP posten, aus dem Halbschlaf emporgeschreckt. Aber nichts rührte sich weiter. — Auf einmal klang ein Hupensignal und um die Ecke bog in rasender Fahrt ein staubbedecktes Automobil zur Kaserne ein; der Posten sprang in die Höhe, riß die Torflügel auf, salutierte stramm, beinahe krampfhaft, der Wagen fuhr in die Mitte des Hofes. Ein Feldwebel, der neben dem Chauffeur gesessen hatte, stieg, umbellt vom Hündchen, ab, öffnete die Türe und ließ zwei Offiziere in Felduniform, die Schuhe und Gamaschen staubbedeckt;, aussteigen. Im selben Augenblick schon stürzte ein junger Leutnant in voller Dienstausrüstung herbei und meldete sich mit aufgeregter, jappender Stimme: „Herr General, Leutnant Bauer meldet sich gehorsamst als Kaserninspektionsoffizier!" Er sah dem General dabei mit starr aufgerissenen Augen ins Gesicht wie einem Gespenst und schien beinahe na.c!h vorne überfallen zu müssen. Noch bevor er eine Antwort hatte erhalten können, stand neben ihm ein riesenhafter Unteroffizier und erstattete gleichfalls seine Meldung. Der Herr General schaute zuerst auf den Offizier, dann auf den Zugsführer, führte mechanisch die Hand an die Kappe und nickte mit gut geübtem Wohlwollen: „Danke!" Dann wandte er sich an seinen Begleiter: „So, da sind wir wieder, na schön. Wem gehört denn der Hund? Komm schön her, na so komm, gutes, braves Hunderl, no freilich, ja!" Er bückte sich zu dem Tier, das mit beiden Vorderbeinen an seinen Gamaschen Halt suchte und immer wieder abrutschte und streichelte ihm den Kopf. „So, jetzt gehen wir in die Regimentskanzlei; Herr Leutnant, wenn das Regiment einrückt, bitte ich die Herren Stabsoffiziere und Adjutanten zu mir. Servus!" Damit ging er, gefolgt von seinem Begleiter, einem etwas dicken Hauptmann, in das Gebäude. An der Türe drehte er sich noch einmal um und sah da den Kasernarrestanten, der wieder aufzuspritzen begonnen hatte. „Sie da", rief er ihm zu, „kommen Sie einmal her!" Und als der Mann beträchtlich zitternd vor ihm stand: „Wenn Sie glauben, daß Sie mit dem Aufspritzen etwas erreichen, irren Sie sich. Wissen Sie, wie man aufspritzt?" „Zu Befehl!" stotterte der Angeredete. „Einen Schmarren! Weißt du, wie man aufspritzt?" wendete er sich dann an den Hauptmann. „Melde gehorsamst, Herr General..." „Gar nix gehorsamst, aufspritzen tut man nicht so, daß man da eine Lacke macht und dann dort eine, sondern schön gleichmäßig. Geben Sie einmal her!" Und der General nahm die Spritzkanne und ging, in einemfort sprechend, hin und her. „Das macht man am besten in Achterfiguren, sehen Sie, s o, hier ein Achter, dann wieder gleich daran einer und so fort, gleichmäßig. Na, kannst du das?" fragte er dann seinen Adjutanten und ohne die Antwort abzuwarten: „Die jungen Herren lernen aber so etwas nicht, haben das nie gemacht. Uebrigens", fuhr er zum Kaserninspektionsoffizier fort, „könntet Ihr für den großen Hof ganz gut einen Spritzenwagen ansprechen! Sagen Sie das dem Herrn Kasernkommandanten!" Er gab die Kanne wieder zurück und wandte sich ab. „Weißt du, da(s Aufspritzen in den Kasernen..." sagte er noch im Fortgehen, aber das Uebrige hörten die Zurückbleibenden nicht mehr. Die träge Ruhe des Hofes schien durch das Erscheinen des Besuches völlig gestört zu sein: die Torposten gingen emsiger auf und ab, der Hornist übte mit dreifachem Fleiß, der Kasernarrestant bemühte sich, schöne Achterfiguren herauszubringen, der kleine Hund lief wieder hin und her. Nach kurzer Zeit marschierte unter Musikklang das Regiment ein, voran der Oberst mit seinem Stab; er frontierte am Tore und ließ die Truppe vorbeimarschieren; sie defilierte mit einem letzten Rest von Elastizität, schwitzend und stinkend. Nachdem noch die Fahne unjter dem üblichen Salut eingebracht worden war, meldete der Kaserninspektionsoffizier den Befehl des Generals. „Teufe! noch einmal" entfuhr es dem Obersten, „der Herr Brigadier ist noch hier?" Dann setzte er sich im Sattel zurecht und rief mit dröhnender Stimme: „Die Herren Stabsoffiziere und Adjutanten in die Regimentskanzlei; kompagnieweise abtreten lassen!" * * * Die Regimentsübung war also vorüber, auch die Besprechung in der Kanzlei ging ihrem Ende entgegen. Der General hatte sich erhoben und sprach die letzten 18