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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-11-01 · 13 (November 1934) · p. Seite 14

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
13 (November 1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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Juden, denen wir überall im späteren Römerreich begegnen, ein beträchtlicher Teil den Besitz an Gold, Schmucksachen und kostbaren Geräten aus der versinkenden Alten Welt herüberretteten in das Mittleialter." Auf eine solche einfältige Behauptung kann höchstens mit einem beliebten jüdischen Witzwort erwidert werden: „Wie der kleine Werner sich die Bildung des jüdischen Altkapitalismus vorstellt!" Die Sache liegt vielmehr so, daß die nach Hunderttausenden zählenden jüdischen Emigranten in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Vertreibung überall, in Italien, Spanien und im Frankenlande, Grund und Boden erwerben durften und diesen fleißig und mit Erfolg bebauten, fruktifizierten und vermehrten. Als dann im 7. und 8. Jahrhundert mit der fortschreitenden Klerikalisierung des Christentums allenthalben die Judenverfolgungen und -ausweisungen einsetzten,, waren die Juden gezwungen, ihre Grundstücke und Realien zu verkaufen oder zu verpachten, um nicht mittellos in die Fremde wandern zu müssen. Schipper sagt in seinen „Anfängen des Kapitalismus bei den abendländischen Juden" darüber sehr treffend: „Nicht also der höchst unwahrscheinliche Sombartsche Altkapitalismus war es, der die Grundlage der weiteren Vermögensbildung bei den abendländischen Juden gebildet hat, sondern die Grundrente (im weiteren Sinn), die sich bei den bodenbesitzenden Juden akkumulierte. Diese akkumulierte Grundrente, wie auch die nach der Veräußerung des jüdischen Bodens in die Hände der Juden gelangenden größeren mobilen Vermögen bildeten die Grundlage des späteren Welthandels, ails dessen Träger sich die Juden bis zum Ausgang des 10. Jahrhunderts behauptet haben." Diese üeldflüssigkeit, die infolge der angeborenen Sparsamkeit, wie der auch in Handel und Verkehr sich bald offenbarenden Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit der Juden nicht so bald zerrinnen sollte, bildete im Verein mit der eisernen Notwendigkeit, sich nun völlig auf diesen neuen Erwerbszweig umstellen zu müssen, die Grundlage des jüdischen Geldhandels im Mittelalter. Nun ist aber die Handhabung des Geldes von jeher eine gefährliche Beschäftigung gewesen; um wieviel gefährlicher mußte sie in dem Augenblick werden, als die böswillige und neidische Umweät ihre Vertreter zur Ausschließlichkeit zwang! So wurde bald die Anschuldigung des jüdischen Wuchersinnes in die Welt gesetzt. Ob nun mit Recht oder Unrecht — diese Inkriminierung wirkte geradezu grotesk, wenn man sich einige Ziffern vor Augen führt, die die Geldsumme darstellen, welche von Königen und Obrigkeiten den Juden im Mittelalter unter allerlei Titeln erpreßt wurden und eine Schamlosigkeit des Wuchers vorstellen, wie sie selbst die reichsten und geizigsten Juden niemals an den Tag gelegt haben. Fällt so das unsachliche und unwissenschaftliche Geschwätz vom prädestinierten Händler- und Wuchervolk in sich zusammen, so wird es doch, nicht zuletzt bei uns in Oesterreich, noch Ungezählte geben, die sich der unangenehmen Begleit- und Folgeerscheinungen des Weltkrieges erinnern und als eine der unangenehmsten den Zustrom der Ostjuden bezeichnen, deren übergeschäftige Befassung mit Geld und Ware sie als lebendiges Beispiel für die Erhärtung der populären Meinung ins Treffen führen. Aber jene, die sich heute wie damals über die zugewanderten Ostjuden mokierten oder entrüsteten, weil ihrem westeuropäischen Aesthetentum die Schläfenlocken und Kaftans, der muffige Geruch des Ghettos, der von diesen Armen ausströmte, abstoßend vorkam und weil sie nur ihre geheimen und unsauberen Geschäfte beobachteten, bedachten nicht das unverschuldete Schicksal, das tausende und tausende jüdischer Familien aus ihrer polnischen Heimaterde, auf der sie Bauern, Pächter und Grundbesitzer, Hand, werker und Gewerbetreibende gewesen, erbarmungslos über Nacht vertrieb und sie ausgeplündert und schutzlos in eine ihnen fremde und feindselige Welt versetzte, die mit ihnen, wie mit Gegnern oder Gefangenen, nichts zu tun haben wollte. Gewerbekonzessionen waren schwer zu erlangen, ein Stückchen Ackerboden gar nicht, aber für Weib und Kinder hatten sie zu sorgen und zu Ueberlegungen und Geduld ließ der Hunger keine Zeit. Was sollten sie anderes beginnen als — ganz wie einst ihre unter mittelalterlichem Zwang stehenden Vorfahren — Geld-, Börsen- und Spekulationsgeschäfte, Winkelvertretungen und Hausierertätigkeit? Dabei waren sie — nie zu vergessen! — diejenigen, die den ersten Stoß des Krieges aufgefangen hatten, für die der Krieg nicht Hinterland, sondern Front gewesen, die mit Hab und Gut, Leib und Leben ihre Zugehörigkeit zum Vaterland bezahlt hatten. Hat man sie klagen oder anklagen gehört? Sie hätten das Recht dazu gehabt! Statt dessen waren sie es, die auch in der neuen Heimat Bitterstes zu leiden hatten: denn ihre neuen Berufszweige und wie leicht wurden sie einem in der Ersatzstoff- und Inflationszeit gemacht! — brachten sie mit den Gesetzen in Konflikt, weil sie zur richtigen Gaunerei keine Geschicklichkeit besaßen, und keiner der Richter, vor denen sie standen, billigte ihnen einien der angeführten Milderungsgründe zu. Sie haben sich bereichert? Am Volksvermögen gezehrt? In den Kerker mit den Fremdlingen! Keine Milde mit den Verrätern! Diese Reminiszenz war notwendig, um an einem eklatanten und sozusagen noch warmen Exempel die bodenlose Ungerechtigkeit gegenüber den „kleinen Geldjuden" darzutun. Da aber schon von den polnischen Juden die Rede ist: von dem Elend, in dem die Masse der polnischen Juden lebt, macht sich die Masse der über den jüdischen Kapitalismus Fluchenden keinen Begriff. In einem englischen Aufruf zur Hilfeleistung, der u. a. von Lloyd George, Lord Cecil, Sir Chamberlain und Marquis of Reading mit Worten des Mitgefühls begleitet ist, lesen wir erschütternde Ziffern; so diese: 50 Prozent aller polnischen Judenkinder haben noch nie Milch getrunken, weil ihre Eltern zu arm sind, um diese zu kaufen. Und in Polen 14

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