Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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leben mehr als 3 Millionen juden! Eine traurige Illustration zu der Legende vom jüdischen üeldsack! (Es gäbe aber in diesem Zusammenhang auch eine erfreulichere Illustration zum Kapitel „jüdische Habgier": das wäre eine Darstellung der jüdischen Wohltätigkeit, von der sich die Christen keine Vorstellung machen.) Die Unsachlicbkeit der Legende vom jüdischen Geldsack wird auch bei jedem aktuellen Anlaß offenbar. So konnte die judenfeindliche Presse den Mund nicht voll genug nehmen, als der Samuel 1 n s u 11- Skandal aufflog. Was wiegen aber dessen Verfeth1lungen gegen die umfassende Korruption eines Harrim a n, dem in Amerika der Prozeß gemacht wurde, oder gegen die letzten amerikanischen Waffemlieferungsaffären, an denen kein Jude beteiligt ist? Ivar Kr enger, der nordische Zündholzkönig! Und so könnte man diese Reihe noch lange fortsetzen. Kommt man aber auf die allerletzten Jahre zu sprechen, so muß man mit der Konstatierung beginnen, daß die Wirtschaftskrise die Juden prozentuell viel härter betroffen hat als die christliche Bevölkerung. Denn da die Juden in den Intelligqnzberufen (Aerztje, Anwälte, Forscher), sowie als Kaufleute, Bank- und Handelsangestellte am reichlichsten vertreten waren, der Mittelstand aber, der sich hauptsächlich aus diesen Berufsschichten rekrutiert, geradezu ruiniert wurde, so bekamen die Juden den wirtschaftlichen Bankrott der Welt am schwersten zu spüren. Sieht man von der derzeitigen systematischen Judenabwürgung in Deutschland ab, über die es ja bei allen anständigen Menschen keine Meinungsverschiedenheit mehr gibt, so stöhnen aber leider auch in andern Ländern die Juden unter einem Elend, das, von der Wirtschaftsderoute erzeugt, durch antisemitische Politik verstärkt wird. Betrachten wir die Tätigkeit der Fürsorgezentrale der Wiener Kultusgemeinde! Sie unterstützt derzeit 50.000 Wiener Juden! Dazu kamen noch in den letzten zwei Jahren zirka 6000 Wanderfälle aus der österreichischen Provinz. Weiß man, was diese Zahl bedeutet bei einer jüdischen Bevölkerungsziffer von 185.000 in Wien und etwa 210.000 in ganz Oesterreich? Das Elend, das dort zu sehen ist, ist unbeschreiblich. Uebermenschlich ist die Arbeitsleistung, die derart von der Fürsorge vollbracht werden muß, heroisch die Anstrengungen, die gemacht werden, um nur einen Teil der nötigen Geldmittel auf Zubringern, Der Parteienverkehr in der Fürsorgezentrale beträgt bei einem einzigen Referenten pro Sprechtag 40 bis 50 Personen! Trotzdem geht kaum ein Bedürftiger ganz leer aus. Die vom Geldjuden reden, wenn an ihnep ein Auto mit jüdischen Insassen vorüberfährt, mögen einmal dorthin gehen und einen Vormittag lang den endlosen Zug der Armen an sich vorüberziehen lassen, ihre Kleidung betrachten und in ihre Gesichter schauen, oder sie sollen durch die Gassen der Leopoldstadt gehen, wo sich in letzter Zeit die Fälle häufen, daß Leute auf der Straße vor Hunger zusammenfallen. Am erschütterndsten aber ist das Bild im Jüdischer) Arbeitsnachweis in der Kohlmessergasse 4. Er-* schüttelnd darum, weil es an Mitteln und Möglichkeiten mangelt, weil die Arbeitgeber selber hilflos sind, und weil es hauptsächlich der Bürger- und Mittelstand ist, aus dem sich diese verschämten Stellensuchenden dort zusammenfinden. Die Uneigepnützigkeit, mit der man sich dort in den Dienst der guten Sache stellt, das aufrichtige Gefühl, mit dem jeder einzelne Fall behandelt und die Einsicht, mit der über die besonderen Ursachen der jüdischen Not gesprochen wird, haben schon au sich etwas Ergreifendes. Die dorthin kommen, sind für jeden Hoffnungsschimmer dankbar, — aber welche Hoffnung soll man älteren Leuten geben, die noch vor kurzem selbständige Kaufleute waren und jetzt die aussichtslose Konkurrenz mit den jungen Burschen aufnehmen wollen? Niemand nimmt sie auf, nicht einmal für 50 Schilling Monat! Und bei dem überstark ausgeprägten jüdischen Familien- und Zusammengehörigkeitsgefühl hatten sie bis jetzt eine Unzahl arbeitsloser Verwandter erhalten. Und die Jungen? Der 23jährige studierte., vielfach begabte und versierte Sohn einer sehr angesehenen und wohlhabend gewesenen Wiener Patrizierfamilie hatte nach langer Suche einen Volontärposten gefunden; wenige Tage später war er Zeuge einer Kontroverse zwischen seinem Chef und einem Kommittenten, die dem Chef Anlaß zu folgendem Ausspruch gab: „Mit Juden sind eben keine Geschäfte zu machen! Sind Sie vielleicht auch einer?" Als er bejahte, wurde er drei Tage später entlassen und verübte einen Selbstmordversuch ... In den Staaten Osteuropas ist es womöglich noch verzweifelter. Von Rußland abgesehen, wo die Vernichtung der Bourgeoisie eine totale ist — in Polen, Ungarn oder Lettland ist es nicht viel besser. Der jüdische Wirtschaftsstatistiker J. Lestschinsky hat auf der III. Jüdischen Weltkonferenz in Genf mitgeteilt, daß 55 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Warschau, Wilna, Lemberg etc. nicht imstande sind, 5 Zloty jährlich Steuer zu zahlen. Die Legende vom jüdischen Geldsack, heute kolportiert, wirkt also in ihrer Zeitfremdheit und Oberflächlichkeit vollends absurd. Morus (Richard Lewinsohn), der Autor des Buches „Jüdische Weltfinanz?" bemerkt sehr treffend: „Die überwiegende Masse der Juden lebt wie die aller Völker in Armut und ist dazu durch politische Bedrückung sozial noch w e i t s c h 1 e c h t e r gestellt als das Proletariat anderer N a t i o n e n. Die Juden als (icsamtheit sind also in wirtschaftlicher Beziehung alles andere als ein „auserwähltes Volk". Sie sind Teilte der kapitalistischen Gesellschaft und haben nicht nur von den Reichtümern und ülücksgütern, sondern auch von der Armu t und von dem Elend, das mit dem Kapitalismus untrennbar verbunden ist, ihr gerüttelt Maß zu tragen." A. R. 15