Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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bequemes. Der Lehrer machte einen schwachen Versuch, es zu erklären. Als Alfred sagte „Haben Sie Darwin gelesen?", gestand der Lehrer, es nicht getan zu haben. Da ging Alfred mit nur geringer Achtung und ohne Respekt für den Lehrer in seinen Schlafraum. Die englischen Schulen machten damals eine öde Zeit durch. Die Schüler in Cheltenham waren nicht schlechter als wo anders. Aber das Verhalten der englischen Schulkinder war für einen jüdischen Jungen von starker geistiger Selbstbeherrschung nicht recht zu verstehen. Alfreds Geringschätzung für seinen Lehrer nahm noch zu, als er einen Deutsch-Lehrer bekam. Denn Alfreds Deutsch war so vollkommen, daß er als Schüler den Lehrer verbessern konnte. Mit Leichtigkeit bekam er 1884 den „Open German Prize" und 1885 zwei Preise für deutsche Aufsätze. Als Alfred einmal einen Aufsatz über ein gestelltes Thema zu schreiben hatte, hatte er eine solche Fülle von Ideen, daß er fünf- oder sechsmal dasselbe Thema behandeln wollte. Er selzte einen Austausch in Gang und gab seine übrigen Aufsätze Mitschülern, die sich dafür verpflichteten, ihm bei anderen Arbeiten zu helfen, die er langweilig fand. Die jungen Engländer nutzten gern seine Phantasie und seinen Fleiß auf dem Literaturgebiete aus, aber dies alles hinderte sie nicht, ihn weiter als einen Fremden zu behandeln. Alte Cheltonianer erinnern sich an das rührende Bild, wie der Knabe Alfred Stunde für Stunde allein sieh im Friß ball trainierte, sodaß er auch darin etwas leistete und seinen Platz unter den englischen Jungens behaupten konnte. Dies gehörte auch zu seinem Streben nach dem englischen Ideal. Ob es nun mit seiner Natur zusammenhing oder mit seiner Umgebung in der Schule, läßt sich nicht sagen, aber die verdrießliche, mürrische Weise, die bei Alfred in dieser Zeit entstand, blieb ihm sein ganzes Leben. Wenn Robert von irgend einem Ausflug oder einem Vergnügen nach Hause kam, so mußte er schnell seiner Mutter oder seinem Vater berichten und gab ihnen eine lange aufgeregte Beschreibung von allem, was ihm passiert war. Alfred dagegen setzte sich, wenn er nach Hause kam, hinter seine Bücher und gab auf Fragen nur mürrische Antworten; nichts Interessantes hätte sich ereignet, er hätte nichts zu berichten. Die Legende vom jüdischen Geldsack Den Antisemiten hat es niemals an Schlagworten zu ihrer „Beweisführung" gefehlt, und was in der Welt an latenter schicksalhafter Ungleichheit und Ungerechtigkeit, was an Fluch von Anbeginn und Menschheitserbsünde vorhanden war und ist, wurde den traditionellen Prügelknaben und Sündenböckeri, den Juden, angelastet. Das beliebteste dieser Schlagworte ist das vom jüdischen Geldsack, vom jüdischen Wucher und von der Internationale der jüdischen Plutokratie. Dieser populären Anschauung zu Leibe zu rücken, bedürfte es eines Lebenswerkes. Es kann also hier nur ein kurzer historischer Ueberblick, ein Entwicklungsabriß gegeben werden, und so muß man gleich damit beginnen, die Irrlehre vom Händlergeist dort zu packen, wo die angeblich Ihistoris'chen Wurzeln liegen. Daß die Juden von altersher vornehmlich ein Handelsvolk waren und sich schon frühzeitig mit Kreditgeschäften aller Art befaßt hätten, ist nämlich die grundlegendste Unwahrheit in dem vielfältigen Geschwätz über jüdische Wesensart und Prädestination. Die Juden im Altertum, das heißt, sowohl zur Zeit des jüdischen Staates, wie in den ersten Jahrhunderten nach dessen Zerstörung, trieben vor allem nachweisbar Viehzucht, Ackerbau, Oelpflanzung, Weinbau, Bienenzucht, Seidenspinnerei, Schifferei etc. In der ersten Zeit der Emigration waren jüdische Fleischer, Gerber, Schmiede, Schneider, Salbenerzeuger im alten Römischen Reich zahlreich. Der unverdächtige deutsche Kulturhistoriker Franz Delitzsch sagt in seinem „Jüdischen Handwerkerleben zur Zeit Jesu" ausdrücklich: „Eine besondere Vorliebe zu demjenigen Handelsgewerbe, welches nicht vom Umsatz eigener, sondern fremder Arbeit lebt, zeigt sich im jüdischen Volke nirgends, wenn wir von dem 1. christlichen Jahrhundert so weit als möglich rückwärts und etwa ein halbes Jahrhundert vorwärts blicken." Hingegen ist einwandfrei festgestellt, daß es ausschließlich die barbarischen Kulturzustände im Mittelalter waren, welche die Juden systematisch von allen andern Erwerbszweigen fernhielten und sie den gewerbsmäßigen Geldgeschäften in die Arme trieben und dabei festhielten. Die Tatsache aber, daß doch irgend ein Grundkapital dagewesen sein muß, aus dem die abendländischen Juden ihre Geldgeschäfte erst entwickeln und ausbauen konnten, gibt dem sattsam bekannten Schrittmacher des jüngsten Antisemitismus, Werner Sombart, Anlaß zu folgender höchst amüsanter Hypothese: „Wahrscheinlich ist, daß von den wohlhabenden 13