Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ilu&wiq Mond und acute £fäÄne Robert und Alfo&d Mit Bewilligung des Verlages L. Nath, Wien III., Rennweg 94, bringen wir im folgenden ein Kapitel des demnächst erscheinendien Buches über Lord Melchett „Alfred Mond" (320 Seiten und 20 Bilder) von H. Bolito, übersetzt von Prof. Dr. W.Roth, zum Vorabdruck. Ludwig Mond war ein großer Mann und war stolz auf seine Erfolge und das Vollbrachte. Aber er forderte auch Unterwerfung unter seinen Willen. Er fühlte sich als das Haupt einer großen Familie, die seinen Talenten ihr Glück verdankte. Als er alt war, bot er ganz das Bild eines großen, mächtigen, herrschsüchtigen jüdischen Patriarchen. Seine Persönlichkeit war damals wie am Anfang seiner Laufbahn so gewaltig, daß, wer in seine Nähe gelangte, sich ganz klein vorkam. Alfred Mond besaß keine Tagebücher oder Andenken an seine Kindheit. Es mögen verschiedene ernstere Gründe vorgelegen haben, die ihn veranlaßten, Briefe und die wenigen Gegenstände, die ihn an seine Jugendjahre erinnert haben mögen, zu vernichten. Als er älter war, erinnerte er sich sehr oft an die Stunden der Angst, die er als Kind erlitten hatte, an die große Kluft, die, vielleicht durch seine eigene Schuld, zwischen ihm und seinem Vater bestand. Einer der Gründe für diese Verschiedenheit zwischen Vater und Sohn war — Ludwig und Frieda blieben ihr ganzes Leben lang Deutsche. Bis in die späteren Tage ihres Glückes war, wenn sie eine Gesellschaft in London gaben, diese wesentlich international und kosmopolitisch.!! Alfred sah von Anfang an merkwürdigerweise wie ein Engländer aus. Bei den Juden ist der Rasseinstinkt immer stärker gewesen als die nationalen Eigenschaften. Die Monds waren Juden dem Blute nach und Deutsche durch den Zufall, der ihre Ahnen nach Deutschland gebracht hatte, möglicherweise aus Spanien, von wo sie durch die Inquisition vertrieben worden waren. Alfred wandte sich von der deutschen Lebensweise seiner Familie ab. Ihn zog der mutige, auf richtige, schroffe englische Charakter an. Als er älter war, wurde er mit voller Ueberzeugung ein englischer Imperialist. Gern nahm er den englischen Mantel um seine Schultern, und das kennzeichnete ihn bald als verschieden von den anderen Familienmitgliedern. Ludwig Mond selbst verstand und würdigte erst in den letzten Jahren seines Lebens die Begabung seines Sohnes. So verliefen die Jugendjahre von Alfred Mond unter Mißverständnissen. Robert war ein glänzender Schüler, aber Alfred o-alt als der Dummkopf der Familie. In Robert erblickte Ludwi"- Mond die Krönung seines ehrgeizigen Strebens, die Blüte seiner eigenen geistigen Größe und die Erfolge seiner wissenschaftlichen BemüWungen. Heber Alfred runzelte er die Stirn und verstand ihn nicht. Zur Beschreibung der Schuljahre von Alfred Mond haben wir nur dürftiges Material zur Verfügung. Von Sendling kam er nach Cheltenham und dort machte er die ersten trüben Erfahrungen, die eine englische öffentliche Schule einem Knaben zufügen konnte, der Deutscher und Jude war, einem Knaben, der audh weiter niemanden für sich einnehmen konnte. Er war an diesem englischen Platze noch ein Fremder. Bei den Spielen war er nicht gewandt genug und als er einen Aufsatz schreiben sollte, schrieb er ihn, unbekannt mit den Regeln und der Tradition, in reimlosen Versen. Schulmeister sind manchmal von teuflischer Dummheit. Alfred bekam Ohrfeigen, weil, wie der Lehrer sagte, das Schreiben eines solchen Aufsatzes für ihn eine Beleidigung sei. In Cheltenham wurde Alfred zum ersten Mal in den religiösen Unterricht hineingezogen. In Winnington hatten seine Eltern und Fräulein Herz beim Frühstück philosophische und vergleichende religiöse Fragen erörtert. Sein Elternhaus hatte einen groß - zügigen, gebildeten Charakter, die Kinder wurden vom Augenblick an, wo sie aus ihren Betten aufgestanden waren, unterrichtet und erzogen. Die Unterhaltung bei Tisch war niemals unfein, man sprach über schöne Künste und abstrakte Wissenschaften. Frieda Mond fand aber wenig den Ton, wie man sich mit Kindern zu unterhalten hatte. Sie gab sich die größte Mühe, die Ausbildung der Kinder zu erleichtern, indem sie schon am Tisch die Nahrungsmittel als Unterrichtsgegenstand benutzte. „Alfred, bevor du Salz auf deinen Teller legst, mußt du mir sagen, woher das Salz kommt." „Robert, ehe du dir Zucker auf deine Haferflocken streust, erzähle mir, woher der Zucker kommt." Eine religiöse Unterweisung fand nicht statt, und die Eltern bemühten sich auch nicht, die Kinder zu luden zu erziehen. Als Ludwig alt geworden war, bedauerte er diese Unterlassung, und als die Enkelkinder sich bei ihm einfanden, meinte er, jedes Kind sollte in einem Glauben erzogen werden. In seinem' ganzen Leben hätte er nur eine einzige Frau kennengelernt, die ohne Religion leben konnte, und das sei seine Frau Frieda. So lange Robert und Alfred jung waren, war Ludwig zu sehr mit Winnington beschäftigt und fand keine Zeit, sich um den religiösen Unterricht seiner Söhne zu kümmern. So ging Alfred in die Gotische Kanelle in Cheltenham, ohne irgendein Vorurteil, wie die meisten anderen jüdischen Jungen, und nur sein eigener Instinkt veranlaßte ihn zu eigenen Urteilen. Diese Instinkte waren aber so stark, wie sie auch durch einen Unterricht nicht stärker hätten sein können. Er war ein Jude durch und durch. Zaghaft und neugierig wandte er sich an seinen Lehrer mit seinen Fragen. Dieser rückte unruhig auf seinem S+uhl hin und her. In diesem kleinen schwarzen Jungen, der Sartor Resartus bereits gelesen hatte, als er erst 12 Jahre alt war, steckte etwas Allkluges, Un- 12