Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Und entzückt all die Andächtigen, die gar nicht ahnen, in welcher Not und bitterem Elend der kleine Knabe leben muß. Und diese kleinen Sänger, für die keine Reklame gemacht wird, die keine Uebersee-Reisen machen und von denen keime spaltenlangen Zeitungsberichte erscheinen, könnten auf gesanglichem Gebiet jeden Wettbewerb mit ihren berühmteren Kollegen aufnehmen. Denn wohl die größere Anzahl dieser Knirpse ist stimmlich äußerst begabt und da sich zur Aufnahme in den Chor, welcher in fast allen Gotteshäusern besteht — immer weniger Knaben melden — eine Folgeerscheinung der Begeisterung für den Sport —, so trachtet schon der Chordirigent, mit dem ihm zur Verfügung stehenden Material nach Tunlichkeit hauszuhalten, die Stimme des einzelnen Sängers zu verfeinern und auszubilden. So nimmt es einen weiter nicht wunder, wenn später einmal aus einem solchen Chorknaben ein ganz bedeutender Sänger wurde, dessen Ruhm weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus führte. Erst kürzlich wurde Erich Kesacoff, ein ehemaliger Chorknabe und späterer Chorherr im großen Leopoldstädter Tempel, Sieger der vorjährigen österreichischen Jazz-Sänger-Konkurrenz, als erster Operetten-Tenor an das Deutsche Theater in Antwerpen engagiert. Gar nicht zu sprechen von der Unzahl jener Sängerknaben, die heute noch im Herrenchor tätig sind, jedoch in ihrem Hauptberufe den verschiedensten Theatern, darunter der Staatsoper, als Mitglied angehören, und gerade infolge ihrer früheren Ausbildung eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Der jüngste Sängerknabe Zu den markantesten Erscheinungen der Wiener Chordirigenten gehören wohl die Herren Rudorf H e i m a n n und Bernhard Hirschmann. Rudolf Heimann, dessen Vater bereits sechzig Jahre als Dirigent im großen Leopoldstädter Tempel tätig war, gehört selbst schon seit dreißig Jahren diesem Gotteshaus als Chorleiter an und seine Söhne Hans und Pauli sind nunmehr auch seit zehn, bezw. vier Jahren im Knabenchor. Bernhard Hirschmann, Dirigent im Pazmaniten-Tempel, ist schoin achtundvierzig Jahre in diesem Fache tätig und hatte selbst Gelegenheit, unter den bedeutendsten Kantoren den Chor zu leiten. Doch ist damit die Reihe der hervorragenden Persönlichkeiten im Dienste des Tempelgesanges keineswegs erschöpft und wir behalten uns vor, noch ausführlich auf dieses Thema zurückzukommen. Erich Kesacoff Doch um wieder von dem schlichten, vom großen Publikum kaum bemerkten Chordirigenten zu sprechen: Seine Aufgabe ist wahrlich keine leichte. Sie erfordert vor allem Idealismus, unendliche Geduld und Ausdauer, feinstes künstlerisches Empfinden, vollste Hingabe an den Beruf, kurz, einen ganzen Menschern. Und abgesehen vom gesanglichen Unterricht muß der Chordirigent auch Erzieher sein, auf die Seelen seiner kleinen Schüler einzuwirken verstehen und die Jugend Ehrfurcht vor der althergebrachten Kunst lehren. In diesem Sinne ist er Hüter der Tradition im täglichen Kampfe gegen den Unverstand der breiten Masse, gegen die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse. Denn auch der künstlerische Betrieb bedarf der gesicherten finanziellen Grundlage und es wäre begrüßenswert, wenn das Publikum dem Tempelchor regeres Interesse und tatkräftige materielle Unterstützung zuwände, um ihm freie Entfaltung zu gewährleisten. Und angesichts des hohen Niveaus unserer liturgischen Sangeskunst ist es nicht unbillig, zu verlangen, daß mau auch in Oesterreich — wie es in andern Ländern schon seit langem geschieht - die Darbietungen der jüdischen Sängerknaben durch das Radio der Allgemeinheit zugänglich mache. Gerade in Wien, der Stadt feinsinniger Musikalität, wird eine solche Uebertragung vollstes Verständnis und gerechte Würdigung finden. 11