Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Schwefel: Die Wiener jüdischen Sängerknaben Wer hat noch nie anläßlich der hohen Feiertage oder eines Freitag-Gottesdienstes im festlich erleuchteten Tempel während der weihevollen Stimmung, die alle Andächtigen beseelt, dem wunderbaren Sologesang eines Chorknaben gelauscht? Wer hat nicht zarte Erinnerungen an eine längst entschwundene, glückliche Jugend geknüpft, wenn die helle feine Stimme eines solchen kleinen Solosängers das ganze Gotteshaus in Atem hielt? Immer wieder kann man die Feststellung machen, wie sehr so ein kleiner Junge im- Der Chor des Leopoldsfädter Tempels] . |fj stände ist, das andächtige Publikum durch seinen Gesang im Banne zu halten und für sich zu gewinnen. Und dennoch. So sehr auch das Verständnis für diese Leistungen vorliegt, so wenig wird wohl die Mühe und Plage, welche allein derartige Frfolge erzielen können, gewürdigt. Freitag Abend ... Mau betritt den Tempelhof und schon von der Straße aus gewahrt man eine Anzahl spielender Knaben, die noch rasch vor dem Gottesdienste in ihren schwarzen Kutten und Kappen sich im Hofe herumtummeln. Da erscheint der Chordirigent und schon begibt sich dieses muntere Völkchen in das Gotteshaus, um den ihm zugewiesenen Platz einzunehmen. Bald ertönen die unvergänglichen Melodien des Schöpfers S u 1 z e r, meisterhaft von der kleinen Schar interpretiert, durch den Raum. Staunenswert präzise die Einsätze, das Forte und Piano, der Gleichklang der einzelnen Stimmen und das Solo... So singen sie, begeistern die Zuhörer und lassen immer wieder die Frage offen, wer eigentlich dieses Gefüge zustande gebracht hat und zusammenhält 'J Unauffällig, von den Andächtigen oft kaum bemerkt, steht mitten im Halbkreise der Chorknaben der Chordirigent. Er allein ist es, der für das Gelingen des Gesanges als verantwortlich zeichnet. Er nur trägt die Verantwortung für den fehlerlosen Vortrag des Chores. Und merkwürdig, vielleicht gerade ihm wird am wenigsten die nötige Beachtung geschenkt. Wenn man nun Gelegenheit hat, einmal hinter die Kulissen eines solchen Chorbetriebes zu blicken, kann man sich erst einen Begriff von dein ganz immensen Arbeitspensum, das ein solcher erfordert, machen. Mindestens dreimal in der Woche muß geprobt werden, wobei naturgemäß auf die Schulzeit - - besuchen ja doch fast alle Jungens noch die Schule — Rücksicht genommen werden muß. Und da sitzt im Chorzimmer der Dirigent vor dem Harmonium, um ihn herum diese kleinen Bürschchen und so wifld stundenlang geprobt und wiederholt, neue Gesänge einstudiert usw. Ungeheure Geduld und Mühe muß von Seiten des Dirigenten aufgebracht werden, um seine Arbeit von Erfolg gekrönt zu sehen. Vergleicht man nun diese kleine Sängerschaft mit den in aller Welt so bekannten Wiener christlichen Sängerknaben, von denen zu hören man fast täglich Gelegenheit hat, kann man ruhig behaupten, daß die Leistungen der Ersteren ungleich höher zu werten sind. Während die Sängerknaben in einem gemeinsamen Internat untergebracht sind, also eigene Wohn- und Schulräume besitzen, dauernd mit ihren Lehrern und Dirigenten im Kontakt bleiben und von diesen behütet werden, weite Reisen unternehmen, kurz, ein materiell sorgenfreies Leben führen, das sich voll und ganz auf die Sangeskuhist einstellt, ist das Leben eines jüdischen Chorknaben wohl unvergleichlich trostloser. Oft in den ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen — die Eltern womöglich arbeitslos und man möchte fast sagen, auf die wenigen Schillinge, die der Chordirigent Rudolf Heimann Junge im Monat nachhause bringt, angewiesen — ist die Straße oder irgend ein Park an der Peripherie der Großstadt sein Tummelplatz. Ohne Behüter und ohne Nachhilfe in den einzelnen Schulfächern, eilt er nach der Schule zu den Chorproben oder in den Gottesdienst. Seine kleine Kutte bedeckt die oft vielfach geflickte Kleidung, und doch singt er mit Inbrunst 10