Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Univ.-Prof. Dr. Max Eisler Kongreß der Philosophen_ Das Wissen vom Vo kstum Auf dem Kongreß der Philosophen in Prag hat der Sprecher des deutschen Nationalsozialismus in den Mittelpunkt der Gesellschaftslehre „das Volk" gestellt. Volk aber, so meinte er, sei eine Gemeinschaft, gekennzeichnet durch eine Reihe von natürlichen Tatsachen, wie Familie, Rasse, Standort und Kultur. Man wird schon diese Definition bedenklich enge finden müssen. Namentlich angesichts des jüdischen Sachverhaltes. Denn das jüdische Volk hat auch in den Jahrtausenden der Wanderschaft, ohne festen Standort, sein Volkstum bewahrt. Es zeigt ferner den einzigartigen Fall einer nationalen Bindung durch die Religion. Und es ist endlich — wie verschieden auch die geschichtlichen Erlebnisse der einzelnen Volksteile verlaufen sein mögen — eine ihrer Zusammengehörigkeit stets bewußte Schicksalsgemeinschaft geblieben. Nicht weniger wichtig sii.d die Einwände, die man gegen die Ueberwertung des Volksbegriffes auf Kosten des völkerverbindenden Menschheitsgedankens — denn das war ja der letzte Sinn in den Ausführungen des neudeutschen Denkers — erheben kann, also gegen das Recht der völkischen „Intoleranz", die nötigenfalls höher zu stellen sei als Humanität. Denn dem Redner erschien die Humanität nicht als eine große sittliche Kraft und ein Ideal der allgemeinen Entwicklung, sondern nur als ein überlebter Atavismus und eine minderwertige Schwäche. Aber wo immer die Wahrheit liegen mag, der Vortrag des Mannes, der vor einem Forum von Freunden der Weisheit ein grausames parteipolitisches System zu rechtfertigen hatte, hat mit aller Deutlichkeit gezeigt, daß bei der heutigen Lage der Dinge kein Volk den Kampf um sein Recht mit Erfolg führen kann, wenn es nicht bis ins Letzte seines Volkstums bewußt ist oder bewußt wird. Wie aber steht es mit diesem Wissen vom Volkstum bei uns Juden? Die Religiösen haben dieses Wissen, sie sind im Besitz der geistigen Quellen unseres Daseins und unserer Sendung. Die Nationalen begnügen sich mit dem Wissen von unserer Geschichte, mit den wechselvollen Beweisen unserer Vitalität — von den ursächlichen metaphysischen Beweggründen, vom offenbarten Gesetz und der Lehre haben sie eine nur höchst unvollkommene Vorstellung. Am schlimmsten aber steht es um die Mitgänger. Sie haben bloß ein unklares „Gefühl" vom Judentum. Sollen sie einmal dem Freund oder Feind darüber Rede stehen, dann zeigen sie sich bald ratlos. Denn sie wissen im Grunde nichts. Und doclh unternehmen sie es, mit diesem Unwissen ihre Stellung zu verteidigen, das heißt, vor dem Gegner aus dem jüdischen und nichtjüdischen Lager „Beweise" für das Recht ihres ohnedies heiklen Standpunktes am Rande des jüdischen Lebens zu führen. Vielleicht niemals vorher ist der Sinn unserer Lehre, die das Wissen von den jüdischen Dingen über alles stellt — Wissenschaft gilt ihr mehr als Priestertum und Königswürde — So klar geworden wie heute. Jedenfalls niemals ist die Notwendigkeit dieses Wissens so dringend gewesen. Ohne ein Wissen, das alles, was uns betrifft — unsern Glauben und unsere Gläubigkeit, unsere Moral und unsern Charakter, unsere organische und seelische Konstitution, die Geschichte unserer politischen, unserer wirtschaftlichen und geistigen Kultur, Erez Israel —j, ohne dieses gründliche und umfassende Wissen von unserm Volkstum müssen wir schwach, ja wehrlos bleiben. Wie befremdlich es auch klingen mag, in diesem einen Punkt müßte der deutsche Nationalsozialismus unser Vorbild werden. Sein Ziel: die Verächtlichmachung und Vernichtung aller Andersgearteten, lehnen wir, im Gefühl unserer religiösen Humanität, natürlich ab. Aber seinen Weg, sofern er die Erkenntnis der eigenen Art durch reines, wahres Wissen im Auge hat, müßten auch wir gehen. Denn nur dann werden wir gerüstet sein zur Abwehr und, was mehr ist, stark durch ein triftiges Bewußtsein von uns selbst. Auch würde dieses planmäßig erzielte, sehr sichere und sachliche Wissen vom Sein und Geist des Judentums, das wir meinen, uns selbst zusammenführen. Was wäre schöner, was wichtiger?! 9