Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 13 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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inatisch und wurde erst durch mannigfache Programme gefährdet — und schwer gefährdet. Das Denken an Palästina wird selbst aber zum starren Programm, das die unbefangene Sicht verschnürt, wenn es zur Ausschließlichkeit wird, die anderes Denken und Handeln als Jude aberkennt. Das „N u r-P a 1 äs t i n a-P rogramm" ist ein halber Selbstmord, so ideal und selbstlos und zukunftsfroh es auch zunächst anmuten mag. Es gibt keinen unmittelbaren Sprung aus allen Teilen der Welt nach dem einen Erdenfleck Palästina, daher muß es auf jeden Fall gesundes jüdisches Leben allüberall geben, wenn das Ziel Palästina wirklich werden soll. Wir mißtrauen uns untereinander, weil wir noch keine Tradition im üemeinschaftsleben nach außen, als Juden zu anderen Menschengruppen und Staatsmächten besitzen. Je weiter das Mißtrauen untereinander, unter uns Juden, schwindet, desto leichter wird es uns sein, nach außen, im allgemeinen Zusammenleben festen Fuß, normalen Standort zu, fassen. Man wird sich mit uns vertragen, wenn wir uns untereinander vertragen. Hören wir daher auf, uns unsere Programme und Vorhalte an den Kopf zu werfen! Sprechen wir miteinander darüber, was wir wollen und hören wir uns zu, wenn wir miteinander sprechen. Die innerjüdischen Kämpfe, die sich sogar innerhalb unserer Synagogen abspielen, sind Miß - trauensbezeugungen, die wir uns wechselseitig handgreiflich oder bildlich zum Ausdruck bringen, und sie wiederholen sich, weil wir nicht unbefangen über unsere Lebensfragen sprechen, sondern nur darüber rechten, wer recht behalten soll. Wir sprechen über uns und nicht darüber, was uns drückt u,nd was wir wünsche n. Wir verständigen uns untereinander nicht über Ziele und nicht über Wege, sondern wir streiten, wer gehen soll, ohne zu fragen, wohin er gehen will, er, der schließlich im Streite bis auf weiteres recht behalten wird. Nun, wir machen den Anfang. In Oesterreich geht heute der Meinungskampf im österreichischen Judentum nur in kleinen Gruppen vor sich, nicht in der jüdischen Oeffentlichkeit. Der Kampf geht nicht um Probleme, sondern um Positionen. Also nicht darum, was wir tun wollen, sondern darum, wer es tun soll. „Es"; wobei dieses „es" von denen, die darum kämpfen, keineswegs bezeichnet werden kann. Denn das Programm ist einfachheitshalber nur die Wahrung von Rechten und Kompetenzen, und dieses rein formale Beharrungsprogramm, das für beati possidentes (die glücklichen Besitzenden, die Saturierten) gut passen würde, ist ein Phantom geworden, bar jeden Inhaltes und jeden Wertes. Nicht deshalb, weil es an sich wertlos wäre, sondern deshalb, weil es mit einfacher Wahrung des Besitzstandes verloren geht. In Zeiten der Wandlung und der Unruhe, des Ueberganges, da gibt es keine Formen, die halten können. Da geht es um den Inhalt, und der Wert von Formen geht schwindelnd zurück. Wir sehen in Oesterreich den Neubau eines Staates von oben her. Die österreichische Bevölkerung wünscht, in Selbstverwaltungskörpern am üemeinschaftsleben mitbauen zu können. Diese mannigfachen Selbstverwaltungskörper sind teilweise politische Positionen der allgemeinen, auf den Staat und die Staatsmacht gerichteten Mitbestimmung, teilweise wirtschaftliche und kulturelle Seibstverwaltungskörper. Das Beharren der Juden auf formalen Gesetzen der allgemeinen Gleichberechtigung und der Gleichheit vor dem Gesetz kann sich daher praktisch auf Zivil- und Strafprozesse beziehen, nicht aber auf die vitalen laufenden Lebensfragen des Berufes und des kulturellen Bedürfnisses. Diese politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Selbstverwaltungskörper konstituieren sich mit wachsender Geschwindigkeit und fast keiner von ihnen weist einen jüdischen Mitarbeiter auf. In den obersten staatlichen Organen (Staatsrat, Wirtschaftsrat, Kulturrat, Länderrat) wird — wie bereits in der Wiener Bürgerschaft (dem früheren Gemeinderat) — eine jüdische Mitwirkung in beschränkter Zahl zugelassen, im Länderrat jedenfalls nicht. Aber in all den zahllosen anderen Körperschaften, welche das eigentliche Leben im Staate leiten und bestimmen, dort fehlen die jüdischen Mitbürger als Mitarbeiter. Und wenn von staatlicher Seite die Initiative zu einer jüdischen Mitwirkung einmal ergriffen wird (im Wiener Volksbildungswerk), da wird im jüdischen Lager nur darum gekämpft, wer dort als Jude arbeiten solle; was dieser umstrittene Einzelne tun soll, darnach wird nicht gefragt. Und ist dieser Einzelne nicht genehm, den Einzelnen nicht genehm, dann soll es lieber niemand sein! Dann soll das Judentum lieber draußen bleiben — gleichberechtigt am Papier. Im Auslände herrschen über diese Fragen ganz konfuse Meinungen. Im Auslande — außerhalb Oesterreichs - - vergessen und übersehen die Juden, daß sich in Oesterreich nur das abspielt, was anderwärts später ebenfalls geschehen wird. Die Tendenz zu Bindungen und zu gebundener Selbstverwaltung ist allgemein und keineswegs auf Oesterreich beschränkt. Man sollte daher innerhalb des Judentums außerhalb Oesterreichs dann, wenn man den österreichischen Entwicklungen größeres Interesse entgegenbringt, die österreichischen Juden aus ihrem Dornröschenschlaf wecken und zur Sachlichkeit mahnen. Damit würde man ihnen und sich selbst den größten Dienst erweisen. Wenn man in diesen Dingen der österreichischen Regierung einen Vorwurf machen kann, dann ist es nur der eine, daß sie von sich aus keine praktisch verwertbare Initiative zur Eingliederung der Judenschaft in den Neubau des öffentlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens ergreift, daß es ihr bisher nicht geglückt ist, diese Bevölkerungsgruppe r i c h t i g anzufassen und zur richtigen Mitwirkung heranzuziehen. Das enthebt aber uns Juden keineswegs der Pflicht, uns selbst um richtige Wege zu bemühen. Mit Recht können wir Juden 4