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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-11-01 · 13 (November 1934) · p. Seite 3

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
13 (November 1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Wecfoiuß. an die Judenschaft! Nicht an das Volk der Juden, nicht an die jüdische Glaubensgemeinschaft. An die Juden! Was wir Juden sind, wie man das, was wir sind, bezeichnen soll, darum haben wir genug gestritten. Nun nehmen Wir uns einfach als das, was wir sind: als Juden. W ir Judlen wollen leben, gut leben, einfach leben, wie alle anderen Menschen. Alle Menschengruppen halten irgendwie zusammen, viele halten deshalb zusammen, weil sie gegen uns kämpfen oder den Kampf gegen uns als Mittel ihrer Einigung benützen, um gegen andere einträchtiger kämpfen zu können. Darum haben wir Juden endlich auch an unsere jüdische Gemeinschaft zu denken, wie immer wir sie bezeichnen. Auch dann, wenn wir üeliebtem ein schwerblütiges Lebewohl zu sagen hätten. Wir haben den Liberalismus, den Sozialismus geliebt und mit ihnen viele „Ismen", die es verdienen, geliebt zu werden, namentlich von uns Juden. Aber das Leben stellt dringliche Fragen an uns, und wir wollen antworten, weil wir leben wollen. Zunächst wollen wir zusammenhalten, endlich einmal, weil es so sein muß. Die anderen haben es leichter. Sie sind wirklich ein Volk, sie sprechen wirklich eine Sprache, sie haben wirklich einen Staat und sie haben oder können eine Autorität haben, welche das Zusammenhalten zu verbürgen vermag. Das alles haben wir nicht. Vielleicht sind wir sogar die einzige Rasse, die auf diese Bezeichnung Anspruch erheben kann. Darüber mögen Gelehrte streiten. Wir sind Juden. Das wissen wir und das wissen die anderen. Und das sollte fürs erste genügen, wenn es um Leben, um Gegenwart und um Zukunft geht. U n d wir w o 1- 1 e n leben! Dann wollen wir uns umsehen. Stehen wir bei Wahrung unserer Lebensinteressen allein auf der Welt? Haben wir Bundesgenossen oder können wir' sie finden? Aus unserem Leben und Leiden und Sehnen ist die Welt der Katholischen Kirche hervorgegangen und im Kampfe mit ihr standen wir Jahrtausende. Solange, als es nur um den Glauben gegangen ist. Heute geht es um die Vergangenheit und um den Ursprung des Glaubens. Das führt uns zusammen! Heute geht es darum, das allgemein Menschliche gegen den Eigendünkel einzelner Menschengruppen zu wahren. Das führt uns zusammen. Das haben Juden erkannt und Katholiken erkannt, jene Menschen, die einfach und unbeschränkt durch Vorurteile aus der Vergangenheit denken können. Es gibt Völker und Staaten oder Kräfte in den Staaten, welche die Notwendigkeit des Sichvertragens anerkennen. Wir Juden leiden am meisten, wenn sich Völker und Staaten nicht friedlich vertragen können. Die Sehnsucht nach Verträglichkeit führt uns zusammen. Es gibt Menschengruppen, welche aufsteigen wollen und die sich daher einem Zwang, gedrückt zu bleiben, nicht unterwerfen wollen. Diese Menschen und Menschengruppen fordern freien Aufstieg und Selbstverwaltung, den eigentlichen Sinn der demokratischen Sehnsucht, des Verlangens nach Freiheit. Dieses Verlangen und Sehnen führt uns zusammen, denn auch wir Juden können nur in Selbstverwaltung von Menschengruppen atmen und können nur leben, wenn allen Menschen die Möglichkeit des Aufstieges grundsätzlich gegeben ist. Wir Juden haben die Möglichkeit, etwas zu bieten und daher auch die Möglichkeit, etwas zu fordern. Wir besitzen Begabungen und sollten sie richtig nutzen. Aber wir müssen sie als Juden nutzen, weil uns sonst der Nutzen abhanden kommt. Der Wahn, daß einzelne Menschen freie Balm finden müssen und sich den Weg versperren, wenn sie sich als Glieder einer Menschengruppe — der Judenschaft — ansehen und ansehen lassen, ist unverkennbar geworden. Die weitgehende Freizügigkeit weicht Normungen und Bindungen und versperrt dem Einzelnen, der sich anerkannten Bindungen nicht einfügt, den bisher freien Weg. Die Einfügung in die Schicksaisgemeiuschaft der Menschengruppe der Juden beengt den Weg des Einzelnen nicht mehr, als überhaupt in dieser und der werdenden Zeit erforderlich ist. Es wird kein vollkommener Rückfall gefordert, obwohl die Mehrzahl der Juden geneigt war, die schärfste Bindung, die denkbar ist, den Sozialismus, begeistert zu verfechten. Hier wie anderwärts haben wir Juden in Extremen gedacht und bewiesen, daß wir die Unbefangenheit des politischen Denkens, die wir nie besessen hatten, auch heute nicht besitzen. Sie, diese Unbefangenheit im Sichgeben und S i c h z e i g e n im Gemeinschaftsleben und im individuellen Leben ist das nächste jüdische Ziel. Die Starrheit programmatischer Formen, welche unser Gemeinschaftsdenken und Gemeinschaftshandeln völlig zerrissen hatte und uns die freie Sicht geraubt hat, muß verlassen werden. Sie ist nichtsnutz geworden und lebt ja tatsächlich nur in engeren Kreisen. Wahre Volkstümlichkeit haben diese Programme auf längere Dauer nicht erzielen können. Auch das Denken auf ein großes Ziel, den allen Juden gemeinsamen Judenstaat, ist unprogram- 3

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