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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 34 (sequence 36)
Language
German
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PH©IL©©SSCH Geleitet von Alfred Kanfer aus meiner Sprechstunde. warum Ehen in Brüchegehen Ein etwa 50 jähriger Mann erschien vor wenigen Tagen in meiner Sprechstunde und legte mir zwei Schriftproben vor, die eine von ihm selbst, die andere von seiner etwa gleichaltrigen Gattin. Der Mann schien müde, abgespannt, allem Anschein nach mußte etwas sehr Schweres auf seiner Seele lasten. Auf meine Frage nach dem Zweck der Analyse erzählt er: Seine Frau habe ihn plötzlich verlassen. Seit nahezu 25 Jahren sind sie verheiratet. Es war die glücklichste Ehe, die man sich denken kann. Er habe an ihr gehangen und sie vergöttert. Nie sei ein böses Wort gefallen, selbst nicht in Zeiten, in denen sie materiell schwer zu kämpfen hatten, gab es irgendwelche Zerwürfnisse. Es ist ein Kind da, ein 20 jähriges Mädel. Wie konnte es möglich sein, daß eine Mutter ihrem Kind wegläuft, es im Stiche läßt, wo sie doch anscheinend so am Kinde hing? Ein paar Zeilen ließ sie zurück, die er mir nun brachte. Sie teilt darin mit, sie habe einen Mann kennen gelernt, zu dem es sie mit unwiderstehlicher Gewalt ziehe und bittet ihren Mann und ihr Kind um Verzeihung für das, was sie tat. Weiters verspricht sie, in einigen Tagen Nachricht zu geben. ^Ar. M**>~6 ^> >^W»H O^Ts&iZi, Schrift des Manu es Hier ist eine Krise zum Ausbruch gekommen, die in vielen anderen Ehen nur latent sch'ummert. Ich sah in meiner Sprechstunde viele Frauen, die mit dem Gedanken spielten, ihren Mann zu verlassen, ohne daß ersichtliche Gründe dafür vorhanden wären, viele, die das Verlangen danach haben, denen die Ehe eine drückende Last geworden, trotz guter Behandlung von Seiten des Mannes. Aber nur ganz Wenige gehen wirklich diesen oft sehr verhängnisvollen Schritt. Ganz wenige nur gehen so weit, den Wunsch auch nur auszusprechen. In den seltensten Fällen ahnt der Mann, welche Gefühle und Empfindungen seine Frau ihm gegenüber hegt, denn er ist meist viel zu sehr mit sich beschäftigt, ist auch meist zu sehr von sich eingenommen, um seine Frau an seiner Seite nicht wunschlos glücklich zu glauben. Was zeigen nun die beiden Schriften? Die des Mannes ist weich, drucklos, abgerundet, schräg. Sie zeigt einen weichen, schmiegsamen und ungemein zärtlichkeits- und anlehnungsbedürftigen Menschen, der bestimmt nie imstande war, seiner Frau einmal ein energisches Nein! zu sagen. Dieser Mann war wohl sinnlich, aber ohne erotische Kraft und WirkuiiQnach außenhin, mußte an der Frau hängen wie ein Kind an der Mutter, war ihr hörig. Aber er konnte sie nicht ausfüllen, weder sie, noch eine andere Frau, denn ihm fehlte vor allem cine.>: Männlichkeit! Man würde nun bei der Frau nach diesem Vorfall ein leidenschaftliches, hemmungsloses Triebleben voraussetzen. Dies ist aber durchaus nicht der Fall und dies macht eigentlich die Ursachen ihres Schrittes kompliziert und rätselhaft. Auch diese Schrift ist ziemlich ruhig und beherrscht, allerdings kraftvoller als die des Mannes. Die Steilschrift weist darauf hin, daß sie in ihrer Umgebung nicht Anlehnung suchte, daß sie eigentlich allein stand. Diese Annahme bestärkt auch der eigenartige, rückläufige Anfangsstrich des g. Hierin zeigt sich deutlich die seelische Isoliertheit und Vereinsamung der Schreiberin, aber auch ein schwerblütig-grübelndes Wesen von tiefer Verinnerlkhung, von starkem Verlangen nach Beachtung, nach Zärtlichkeit, aber auch nach starkem Erleben, nach Inhalt. Es sind starke instinktive Ichtriebe da, die dazu führen, daß sich Schreiberin zu sehr mit der eigenen Person beschäftigt. Darin lag nun auch die Gefahr. Es mußte an Lebensinhalt gefehlt haben. Dieser schwache Mann konnte ihr nicht Schrift der Frau /liyJ^ e-wv C^sJyyCn 0 viel bedeuten. Die Tochter war erwachsen, ging wahrscheinlich ihre eigenen Wege. Beschäftigung hatte die Frau keine, den Haushalt besorgte fast zur Gänze die Hausgehilfin. Hier zeigt sich nun der Fehler so vieler Ehen. Es fehlte an offener, ehrlicher Aussprache, es fehlte dem Manne an der nötigen Aufmerksamkeit der Frau gegenüber. Mein Besucher schildert mir das Tagespensum seiner Frau. Er war den ganzen Tag im Betrieb, da konnte seine Frau Spazierengehen oder zuhause auf ihn warfen. Eine Mitarbeit der Frau wollte er nicht. Abends dann pflegte sie ihn abzuholen, sie gingen zusammen irgendwohin Nachtmahl essen und dann nachhause, da er immer ziemlich abgespannt war. Die Tochter war meist in einem ausländischen Erziehungsinstitut; war sie hier, so kümmerte sie sieh auch nicht viel um die Mutter, nur wenn sie etwas brauchte. Was hatte die Frau also zu tun? Die Gefühle zum Mann wurden Gewohnheit, inhaltslos. Er war wohl auch von Haus aus nicht der richtige Typ für sie. Die Frau alterte, sah ihr Leben verrinnen, ohne eigentlich zu leben. Alle Sorgen und Schwierigkeiten 34

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