Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 35 (sequence 37)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695764--487-8245952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nahm ihr der Mann ab. Sie hatte keine Widerstände zu überwinden. Die Kräfte lagen brach, ihr Leben war ein Leerlauf in jeder Hinsieht. Aber damit mußte naturgemäß auch die Sehnsucht nach Erleben, einem Erlebnis, ungeheuer wachsen, sich ins Krankhafte steigern. Dieser Leerlauf der Gefühle in Verbindung mit der Furcht vor dem Altern mußte zu einem plötzlichen Aufflackern der Lebenskraft führen. Trifft sich dann noch ein skrupelloser Schuft, der dies zu einem Abenteuer ausnützt, so ist die Katastrophe da. Denn eine Katastrophe bedeutet es ja auch für die Frau. Schließlich wird ihr der durch 25 Jahre vertraute Haushalt, das Kind und selbst auch der Mann fehlen. Wenn der erste Rausch vorbei ist, und das kann kaum 24 Stunden dauern, wird es der Frau erst zum Bewußtsein kommen, was sie getan hat. Vielleicht kehrt sie dann zurück, der Mann würde sie sicher gerne aufnehmen. Aber es bleibt dann ein gewaltiger Riß. In vielen anderen Ehen kommt es nicht zu dieser Katastrophe. Da führt der geistige und gefühlsmäßige Leerlauf nur zu Hysterie, oft auch zur Flucht in eine Krankheit. Aber muß das so kommen? Wie oft hat die Frau im vorliegenden Falle gesagt, sie wolle eine Beschäftigung, sie sei nicht glücklich. Der Mann hatte keine Zeit, über seine Frau nachzudenken, es ging alles ruhig im festen Geleise. Ein bißchen mehr Aufmerksamkeit aber hätte vielleicht genügt, sein Kind vor dem Makel zu bewahren, daß seine Mutter noch mit 50 Jahren aus glücklichster Ehe zu einem anderen Mann lief. LEO POLD BAUM Die Farbenwahl ist auch heute immer noch das Primäre, wenn erst einmal der Entschluß gefaßt ist, /um Schneider zu gehen. Ausschlaggebend müßte für Sic eigentlich sein, wie das letzte Sakko ausgesehen, denn man möchte doch natürlich Abwechslung haben. Für die neue Saison müßte das also heißen, daß nun einmal wieder Braun oder Blau an der Reihe wäre, da jetzt längere Zeit ürau eine große Rolle gespielt hat. Aber da gibt es viele Herren, die auch eine andere Ueberlegung anstellen. Die Abwechslung ist ihnen —- und dies mit Recht — weniger wichtig als der einheitliche Eindruck ihrer Kleidung. Lassen sie sich jetzt, so folgern sie, wieder einmal einen braunen Anzug bauen, dann würde das meistens auch eine Umstellung der bisherigen Attribute auf Braun oder seiner Komplementärfarben bedeuten. Da müßte also der graue Mantel ausrangiert werden, ebenso könnte auch der grame oder schwarze Hut nicht mehr verwendet werden, und ajuch die grauen Hemden, hätten, vorläufig wenigstens, zu pausieren. Beinahe käme das dann schon einer regelrechten Neuequipierung gleich. Also verzichten sie — sehr vernünftig — auf den Farbwechsel, denn die Hauptsache ist ja schließlich, wie gesagt, daß man g u t angezogen ist. Für jene, die über einen größeren (iarderobebestajiid verfügen, die folglich auch in Hüten, Hemden und Krawatten ein abwechslungsreiches Sortiment besitzen, liegt der Fall natürlich anders. Besondere Rücksichten gibt es für sie hier nicht, und so werden sie gerade in der Farbe etwas anderes haben wollen als bisher. Aber natürlich sind diese Glücklichen absolut in der Minorität. Und so steht denn auch noch diesmal Grau im Vordergrund. Erst mit beträchtlicherem Abstand folgen ihm braunfarbene Töne, während Blau beinahe als unpopulär gelten kann, was ihm allerdings die Sympathie der „upper-ten" sichert. Jeder unserer Leser kann sich des graphologischen Fragekastens bedienen. Dieser wird von dem bekannten Wienet' Graphologen Alfred Kanfer geleitet. Zur Erlangung einer Analyse sind mindestens zehn Zeilen Tintenschrift sowie Angabe von Geschlecht und Älter erforderlich. Wir berechnen unseren Lesern für eine Analyse nur einen Druckkostenbeitrag von S 1.20, der in Marken beizulegen ist. Es ist ferner ein Kennwort anzugeben, unter dem die Veröffentlichung erfolgt. Einsender, die auf besonders rasche Erledigung ihrer Anfrage Wert legen, legen frankiertes Retourkuverf bei, und erhalten brieflichen Bescheid. Ausführlichere Analysen gegen Einsendung von Schriftproben und genauen Geburtsdaten sowie S 3.50 in Marken und frankiertem Retourkuverf. Großes Charakterbild S 10.—. Für Ausland internationaler Änfwortkupon. Beantwortung der Anfragen N e 1 k e. Sehlichtes, einfaches, geschmackvolles und natürliches Wesen, dem alles Uebertriebene, Ueberladene fremd ist, eine feinfühlige und empfindsame Natur, taktvoll und ausgeglichen, von gleichmäßigen Interessen und gleichmäßigen Neigungen beherrscht. Dies ist allerdings nur dadurch möglich, daß hier kein starker Ehrgeiz und kein starkes Triebleben, keine starken Leidenschaften und keine allzutiefen Empfindungen vorhanden sind. Ilse. Ein fester, klarer, entschiedener Charakter, der sich keinen Illusionen hingibt, der das Leben und die Mensehen so sieht, wie sie wirklieh sind, der sachlich und nüchtern zu beobachten und zu denken gelernt hat, in Handlungen und Urteilen besonnen und vorsichtig ist. Wenn auch keine starke Initiative vorhanden sein mag, wenn Sie sich auch nur schwer zu etwas Neuem entschließen mögen und in Ihrer ganzen Denkart konservativ sind, so ist doch ein behaglicher Wille da, der sich trotz aller Enttäuschungen nicht leicht unterkriegen läßt. Die Silhouette des heurigen Anzuges hat sich von der der vorjährigen nicht wesentlich geändert. Die Sakkos gehen der Körperform mehr nach, übertreiben nicht in der Schulterpartie und zeigen auch in der Form der Revers die rund und breit gehalten sind, ein ruhigees Bild. Der Einreiher schließt auf drei Knöpfen, die Klappen haben eine V-Fasson, der mittlere Knopf muß genau in TaiMenhöhe sitzen. Der Zweireiher ist auf zwei Knopfpaare gearbeitet und weist überdies noch ein „blindes" Knopfpaar auf, das mehr an die Brustseitc gerückt ist. Das Sakko, wird etwas länger getragen als in der vorjährigen Saison. Die moderne Schulterpartie ist vom Kragen breit und schräg abfallend und beim Aermelansatz abgerundet. Der praktische Anzug, also der Anzug, der nicht nur gut aussieht, sondern auch in der Tragdauer hervorragend ist, wird diesmal aus Cheviot sein, welcher Stoff heuer infolge seiner unerhörten Strapazfähigkeit alle anderen verdrängt. Für die Exklusiven aber, die ja niemals einen Anzug richtig auftragen, erscheinen am Modehorizont als ein distinguierteres Pendant zu den bereits in diesen Kreisen anerkannten grünlichen Legierungen — wieder diie vornehmen Kammgarne mit großen Karomusterungen; so zeigt es sich, daß auch in der Herrenmode für jeden Geschmack, aber auch für jede Brieftasche gesorgt ist. 35

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.