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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 25

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 25 (sequence 27)
Language
German
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Verantwortung der Wissenschaft London, im September. Auf Grund der Wichtigkeit der Rassenfrage ist hier eine bemerkenswerte Initiative erfolgt. Das „Institute of Sociology" hat einen Vorschlag zur Untersuchung der Bedeutung des Rassenfaktors für die kulturelle Entwicklung unter Mitwirkung repräsentativer Forscher verschiedener wissenschaftlicher Gebiete und Länder veröffentlicht. Die kgl. englische anthropologische Gesellschaft dürfte an den Vorbereitungen zu dieser Enquete in führender Form Anteil nehmen. Wir lesen im „Svenska Dagbladet": In den ersten Jahren der Regierung Oskar II. versammelten sich ab und zu Damen der Stockholmer Gesellschaft und lauschten den Vorträgen, die ihnen der französische Gesandte hielt. Ihr Interesse galt, wie man wohl annehmen kann, mehr dem liebenswürdigen Diplomaten, als seinen literarischen Ergüssen. Graf G ob i n e a u (er war es) hatte die glühende Ueberzeugung, daß die germanische Rasse auf Grund jahrhundertedauernder Manifestationen das kulturelle Primat besitze. Seine Ideen legte er in seinem großen Werke „Die Ungleichheit der menschlichen Rassen" nieder, welches jahrzehntelang unbeachtet blieb, bis um die Wende des Jahrhunderts H. St. Chamberlain mit einem ebenso imposanten wie kritiklosen wissenschaftlichen Apparate den Text in seinem Werke „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" auslegte. Diese Ideen trugen gleich reiche Ernte, aber erst während der letzten Jahre erlangten sie ihre volle Bedeutung. Wir sehen heute den Büchermarkt eines großen Kulturlandes, seine Zeitungen und auch seine wissenschaftlichen Zeitschriften erfüllt von der Verkündung des Glaubens an die Rasse. Jetzt werden dank der Konsequenzen dieser Rassenlehren Chamberlains und Gobineaus die Nordarier zum Ursprung aller Kultur gemacht und die etwaigen Verdienste anderer Rassen bloß durch germanische Blutbeimischung erklärt. Heute ist alles, was mit dem vagen Begriff Rasse zusammenhängt, politische Realität geworden, und zwar von ähnlicher potentieller Bedeutung, wie seinerzeit die Ideen der französischen Revolution. Mit unerschrockener Phantasie und unbewußter oder absichtlicher Zurücksetzung wissenschaftlicher Arbeitsmethoden und wissenschaftlicher Kritik werden Rassentheorien und darauf gestützte Ansprüche vorgetragen, welche ein neues Element des Unfriedens erzeugen. Aber diese Rassenlehren sind nicht nur ein politisches und ein Humanitätsproblem, sie schaffen daneben eine wissenschaftliche Aufgabe von größter Bedeutung. Wir stehen hier vor etwas, zu dem Europas Geistesgeschichte kein Gegenstück aufzuweisen hat. Wissenschaftliche Thesen oder, besser gesagt, politische und kulturelle Suprematieansprüche, die in rassenwissenschaftlicher Kostümierung auftreten, sind Faktoren von höchster Wichtigkeit geworden. Sie stellen die Wissenschaft vor ein Problem, vor eine Verantwortung. Die Frage, was Phantasie oder durch Forschung bewiesene Feststellung ist, hat große politische Bedeutung erlangt. Gleichzeitig haben die immer mehr anerkannten Ansprüche der Erblichkeitslehre und Eugenik dem ewigen Problem der Grenze zwischen den Befugnissen des Staates und der Freiheit des Individuums einen bedeutenden Inhalt gegeben, wobei es sich um die Aufgabe handelt, Degeneration zu verhüten und das wertvolle Erbe des Blutes zu schützen. Hier wird die Wissenschaft mit der Politik konfrontiert. Es gilt nun, auf der Acht zu sein, daß die Gesellschaft und der Staat nicht nach Hypothesen handeln, welche fälschlich als Ergebnis der Wissenschaft ausgegeben werden. Der Wissenschaft erwächst also eine unabweisliche Pflicht, deren Erfüllung zudem nicht mit besonderen Schwierigkeiten verbunden ist. Die Repräsentanten aller Wissenschaften, die durch die Rassenfragen berührt werden, müssen sich in dem Bestreben vereinigen, sobald als möglich autoritative und klärende Untersuchungen vorzunehmen über alle wichtigen Fragen, die durch die Rassendoktrin jetzt brennende Aktualitäten geworden sind. Unter solchen Verhältnissen ist es erfreulich, daß bereits eine Initiative ergriffen wurde. Aus vorstehendem Londoner Telegramm geht hervor, daß von einigen englischen, auf diesem Gebiete führenden Institutionen Vorbereitungen im Gange sind, um internationale, unparteiische, rein wissenschaftliche Untersuchungen in dieser Richtung durchzuführen. Diese Initiative wird aller Wahrscheinlichkeit nach in allen Ländern mit Freude begrüßt werden, aber nirgends mehr als in Schweden selbst. Die verheerenden Schäden, die der Weltkrieg einer von nationalen Schranken und Vorurteilen ungehemmten Forschung zugefügt hat, haben nirgends mehr Sorge erregt als in Schweden und wurden nirgends mit größerem Verantwortungsgefühl bekämpft, als in diesem Lande. Deshalb wird auch von Seite der schwedischen Forschung diesem Unternehmen, welches im Dienste der Wahrheit durchgeführt werden muß, alle erdenkliche Unterstützung gewährt werden. ©ßDENirlilPIPfl€HE Bettelheim & Jomek, Wien I., Rotenturmstraße Nr. 27 25

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