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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 23

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 23 (sequence 25)
Language
German
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Anekdoten um fädUcfa Diändlex Unsere schnellebige Zeit liebt die Kürze, die Prägnanz. Sie will nicht aufgehalten, sondern gewissermaßen im Vorüberfliegen unterhalten werden, ohne dadurch etwas an Genuß zu verlieren. Wenn es einmal dazu kommen sollte, daß man das Essen taylorisiert und sich der Zeit- und Geldersparnis wegen bloß mit Eiweißpillen ernährt, dann wird man diese Pillen sehr schmackhaft und pikant machen müssen; denn gereizt will der Gaumen unbedingt werden. Anekdoten sind nichts anderes als solche Eiweißpillen. Sie sollen keine Mahlzeiten sein wie Novellen und keine Mastkuren wie dreibändige Romane. Ein Extrakt aus hochwertigen Nährstoffen oder, für Abstinenzler, eine starke Alkoholessenz. Eine Anekdote ist der Kern einer Erzählung. Wenn sie gut ist, gibt sie das Bild einer Persönlichkeit,, eines Kreises, einer Epoche stark genug wieder, um damit das Phantasiebedürfnis des Lesers förmlich schöpferisch anzuregen, ja oft ausreichend zu befriedigen. Wenn sie gut ist, hat ihre Pointe einen tieferen Sinn, den man begreift, ohne daß man nachdenken muß, ohne daß man am Lachen behindert ist. Warum die folgenden Anekdoten, die fast durchwegs wahr und selbsterlebt sind, dem Leben der jüdischen Künstler entnommen sind, wird wohl verständlich sein. Der Künstler, an und für sich zum Spiegel der Menschheit berufen, ist als Jude von einer launigen Ueberlegenheit, die den Spiegel oft zum Zerrspiegel macht. Und wer, außer dem geborenen Griesgram, möchte nicht über einen Zerrspiegel lachen? Daß es sich hier um noch lebende Künstler oder solche Persönlichkeiten handelt, die noch in unsere Generation hineinragen, wird hoffentlich auch dort nicht als verletzend empfunden werden, wo einer etwas unsanft angefaßt wird. Denn wer bildete sich ein, unfehlbar und makellos zu sein? Und wäre solche starre Lückenlosigkeit wirklich ein Grund, darauf stolz zu sein? Nach der Premiere von Werf eis ,, Paulus unter den Juden" im Burgtheater fand sich Alfred P o 1 g a r im Kaffeehause ein, wo ihn bereits mehrere Freunde erwarteten und mit der Frage begrüßten, wie die Aufnahme des Stückes gewesen sei. „A 1 e a jacta est", erwiderte Polgar. „...???..." „Nun ja", sagte Polgar, „Werfel hat gefallen!" # # * Nach einer Premiere eines Stückes von Schönthan fanden sich der Autor und seine Freunde zusammen. Alle waren ausgelassen lustig, nur Oskar B1 Li m e n t h a 1 blieb einsilbig und verstimmt. Schließlich setzte er sich ans Klavier und spielte die Melodie vom „Guten Kameraden". — „Nanu?", fragten alle, ,,.was bedeutet das?" — „Das bedeutet", sagte Blumenthal, immer weiter spielend, — „als wär's ein Stück von mir!" Als Bernau noch Direktor des Deutschen Volkstheaters war, führte er einmal einen neuinszenierten ^Wilhelm Teil" nach Entwürfen von Oskar Strnad auf. Leider hatte dabei der Teufel seine Hand im Spiel, alles ging schief. Die eigens hiefür komponierte Musik von Julius Bittner war einem Orchesterchen anvertraut, das alle Augenblicke aus dem Takt kam und schließlich ganz unvermittelt abbrach, das Licht versagte, ein Schauspieler kam zu früh auf die Bühne, und vieles andere. Der Clou aber war, daß, als sich der Vorhang über der Szene vor Stauffachers Haus hob, die große Linde — mit den Wurzeln in der Luft schwebte, und dies die ganze Szene hindurch. Nur langsam legte sich die Heiterkeit im Publikum. Als dann Stauffacher zu seinem getreuen Weib Gertrud die Worte sprach: ,,Doch ach, es wankt der Grund, auf den wir bauten" — hörte man eine tiefe Stimme im Parkett: ,,Na siehst du, Klara, — es war halt ein Erdbeben!" ♦ * * Peter Altenberg (recte Engländer) war zwar ein Romantiker, dabei aber in Kunstdingen ein Wahrheitsfanatiker, der jede Aufgeblasenheit haßte und demgemäß den Namen D'Annunzio (der ein Pseudonym für Rapagnetta ist) nicht erwähnt hören konnte, ohne seinen Abscheu kundzutun. Als nun im Jahre 1911 der Verlag S. Fischer zum Jubiläum seines 25jährigen Bestehens ein reichhaltiges Sonderbuch mit vielen Beiträgen herausgab, waren im Anhang in alphabetischer Reihenfolge die Abbildungen aller Autoren enthalten, die bei S. Fischer Werke verlegt hatten. So kam es, daß gleich auf den ersten zwei Bildern Attenberg friedlich neben D'Annunzio zu sehen war. Altenberg tobte. „So ein Faxenmacher, so ein Fex! Das kommt davon, wenn einer nicht bei seinem braven Namen Rapagnetta bleiben kann!" - „Aber Peter", mahnte Egon Friedell, „du heißest doch eigentlich auch anders, nämlich Engländer!" — „Das geht dich gar nichts an, du Trottel", brüllte Altenberg, „hast du nicht früher Friedmann geheißen?" — ,,Ja", erwiderte Friedell, <,aber ich habe meinen Anfangsbuchstaben beibehalten, um bei alphabetischen Zusammenstellungen in der Nähe Goethes zu sein." * # » Richard Strauß' Sohn ist bekanntlich mit einer Jüdin namens Grab verheiratet, was den Vater nicht gehindert hat, sich für den Nationalsozialismus zu exponieren, und den Sohn nicht, beim ersten nationalsozialistischen Reichstag-Theater in der Kroll-Oper in einer Loge mit einem Bukett roter Rosen für Hitler zu erscheinen. In einem Kreis darüber empörter Juden meinte einer: „Was wollt Ihr? Es ist nur symbolisch gemeint: ein Strauß auf das Grab eines Künstlertums!" 23

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