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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 20

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 20 (sequence 22)
Language
German
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Geist der Kasteiung aus Trauer um die verwüsteten Heiligen Orte. Jedoch diese Blütezeit des Karäertums in Jerusalem, die nicht ohne Einfluß auf das Judentum überhaupt geblieben ist, dauerte nur sehr kurze Zeit (940 bis 1060). Politische Umstände (1071 verloren die meist toleranten und milden Fatimiden-Herrscher die Herrschaft), sowie innere Ursachen, vielleicht auch die Verstärkung der Rabbaniten, brachten bald einen vollständigen Niedergang der Gemeinde und ihrer Autorität. Ein karäischer Palästinapilger aus der Krim, der das Heilige Land im Jahre 1641 42 besuchte, Samuel ben David, erzählt uns vom Befunde der Gemeinde zu dieser Zeit. Die Gemeinde besaß damals fünfzehn Häuser, die von siebenundzwanzig Personen bewohnt Inneres der karäischen Synagoge in Jerusalem wurden. Das war die Seelenzahl der Gemeinde, Weib und Kind miteingerechnet. Es ist schon charakteristisch für diese Zeit, daß unser Reisender bei seiner Ankunft vor den Toren Jerusalems erst vom Aeltesten der rabbanitischen Juden in Empfang genommen wurde und nach der Steuerentrichtung an denselben mit dessen Genehmigung die Stadt betreten durfte, wo seine Glaubensgenossen ihn bereits erwarteten. Von demselben Reisenden erfahren wir die Existenz einer Synagoge der Jerusalemer Karäer in Kairo, wohin die Gemeinde allmählich auswanderte. Von einem anderen Reisenden aus der Krim, Moses aus Theodosia (Kafa), der Jerusalem im Jahre 1654 1655 besuchte, erfahren wir, daß in den Gemeindehäusern sich drei Männer und zwei fromme Frauen, Witwen, befanden. Groß war damals die Armut in den fünfzehn Gemeindehäusern. Ein dritter karäischer Reisender aus der Krim, Benjamin ben Eliahu, besuchte die Heilige Stadt im Jahre 1785 86. Damals waren die Gemeindehäuser bereits von rabbanitischen Juden bewohnt, nur für den Chacham und für Pilger gab es Räume. Außer dem Chacham scheint es bereits damals in Jerusalem keine Karäer gegeben zu haben. Als vor ungefähr hundert Jahren A b r a h a m Firkovitsch, dessen karäischer Fanatismus an Rücksichtslosigkeit reich war, mit seiner unermüdlichen und durch die Tragik seines Unternehmens entschuldbaren Tätigkeit begann, da wurde auch die karäische Gemeinde in Jerusalem nicht vergessen. Für die Vergangenheit sorgte Firkovitsch, indem er durch Fälschungen das frühe Alter der Gemeinde anzusetzen suchte, und für die Gegenwart durch eine ganze Reihe von Anordnungen, sowie durch die Organisierung der geregelten Pilgerfahrt. Aus einer samaritanischen Chronik erfahren wir, daß Firkovitsch die Samaritaner, die von den älteren Karäern gehaßt waren, für eine Zusammenschmelzung mit den Karäern, für eine gemeinsame Front gegen das offizielle Judentum, gewinnen wollte ... Firkovitsch, der den Niedergang seiner Sekte sah, scheute vor keinem Mittel, um die Kluft zwischen Rabbaniten und Karäern zu vergrößern. Seine Bemühungen um die Neubelebung des Kaisertums hatten aber zur Folge, daß die Karäer sich von den Werten des Judentums und, in einigen Ländern, sogar von der Blutgemeinschaft mit den Juden lossagten. Das Interesse an Palästina konnte nur abnehmen. Ist es doch charakteristisch, daß die privilegierten Karäer sich nie für modernen Zionismus interessierten. Und ihr religiöses Interesse an Jerusalem? Kaum sechzig Jahre nach dem Tode Firkovitschs besteht die karäische Gemeinde in Jerusalem aus ... einem Mitglied ... Noch immer befindet sich die stille Karäergasse in der Altstadt von Jerusalem. Noch immer gibt es da denselben abgeschlossenen Hof mit den Wohnhäusern und der unterirdischen Synagoge, mit den alten wertvollen Thora-Handschriften, mit anderen heiligen Büchern. Auf der anderen Seite der Gasse befindet sich seit einigen Dezennien eine Chassidim-Synagoge. Von den drei Mitgliedern der Gemeinde, in dieren Namen der orthodoxe Rabbanite J. I. de Haan noch vor acht Jahren gegen das jüdisch-nationale Heim protestierte, ist einer gestorben, einer wanderte aus und nur ein einziger blieb zurück. Elijahu Sinani, dessen Name auf Krimer Ursprung hinweist, ist Schuhmacher von Beruf, spricht hebräisch und spaniolisch (!), da er in der sephardischen Talmud-Thora lernte und unterscheidet sich kaum von einem Juden. In seinem Hause hängt das staatliche Privilegium, in dem er als Haupt der karäischen Gemeinde, die er selbst bildet, anerkannt wird. Aber außer dem Gottesdienst, den er als Vorbeter und Gemeinde ohne Schuhe, wie es in einem Gotteshause ziemt, in der unterirdischen Synagoge an Sabbaten und an Feiertagen nach karäischem Kalender verrichtet, ist er selbst, in allen Sachen des Lebens und des Todes, von den jüdischen religiösen Anstalten abhängig. Das ist das Ende der Karäer-Gemeinde in Jerusalem ... 20

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