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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 19

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 19 (sequence 21)
Language
German
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andere Religion annehmen muß, um nach Austrittaus derselben ins Judentum aufgenommen zu werden! Aus dem karäischen Schisma führt kein Weg ins Judentum. Die wichtige Rolle, die Palästina zu allen Zeiten im geistigen und religiösen Leben der Juden spielte, führte zur Gründung einer karäischen Gemeinde in Palästina. Es muß aber festgehalten werden, daß diese Gemeinde niemals sehr vielzählig war und außer in Jerusalem nur wenige und scheinbar auch unwichtige karäische Stationen bestanden haben. Es ist auch gewiß, daß selbst in Jerusalem die karäische Gemeinde nur eine kleine Anzahl von Mitgliedern zählte. Bei der spärlichen jüdischen Einwohnerschaft im Mittelalter in Jerusalem spielte diese Gemeinde eine große Rolle. Außer den beständigen Einwohnern der Heiligen Stadt gab es auch Karäer, die als Pilger nach der allezeit „Parochet" (Jerusalem) üblichen jüdischen Siftte die Heiligen Orte besuchten, um dann deren Kunde nach ihren fernen Gemeinden zu tragen. Einige Berichte solcher Reisender sind uns zurückgeblieben, in denen dasselbe Ehrfurchts- und Sehnsuchtsgefühl pocht, wie in allen Berichten jüdischer Reisender nach dem Heiligen Lande in früheren Zeiten, gesteigert durch dieses besondere Gefühl von Verlassenheit und Auserwähltheit, das immer Sektierer auszeichnet. Wann siedelten sich die ersten Karäer in Jerusalem an? — Diese Frage ist bis auf den heutigen Tag nicht ganz geklärt. Den karäischen Quellen zufolge wäre An an selber der Begründer dieser Gemeinde gewesen. Aus Angst oder Frömmigkeit hätte er nach seinem Zwist mit den kalifischen Behörden sich nebst einem zahlreichen Gefolge nach Jerusalem geflüchtet und dort eine Gemeinde seiner Anhänger gestiftet. Antitalmudische Sektierer gab es bereits damals in Palästina (wie der Ketzer Melech aus Ram- Z Cunard & White Star Line Wien I., Kärntnerring 4 - Tel. U46-2-48 nach Amerika und Kanada Koschere / Verpflegung unter Aufsicht des Beth V Din (Kultusgemelnde London) das von üroßrabblner Dr. J. H. Hertz geleitet wird leh, im südwestlichen Palästina, und andere). Diese Tradition der Gründung durch Anan sitzt dermaßen tief bei den karäischen Schriftstellern, besonders bei den neueren, die von diesem Zeitpunkt weit entfernt sind, daß sie mit ganz unbegründeten Phantasiespiden ausgeschmückt wurde. So z. B. wird erzählt, daß Omar, der Bezwinger Jerusalems — der tatsächlich ungefähr 130 Jahre vor Anan lebte — Anan das Privilegium erteilte, eine Synagoge in Jerusalem gegenüber der Klagemauer und eine andere in Hebron zu erbauen. Dabei legte Anan auch achtzehn Straßen in Jerusalem und eine Gasse in Hebron an, die a,usischließlich von Karäern bewohnt wurden. Eine andere Tradition weiß von der Gunst zu erzählen, die Anan in den Augen Alis, des rühmlichen Schwiegersohnes Muhammeds, fand, und daß dieser ihm die Genehmigung erteilte, die noch jetzt bestehende unterirdische Synagoge der Karäer in Jerusalem zu erbauen. Jedoch alle diese Nachrichten entsprechen nicht den geschichtlichen Tatsachen. Die wenigen Quellen und Belege für die erste Epoche des Karäertumsj zeugen gegen alle diese phantastischen Annahmien. Es steht fest, daß erst am Ende des neunten oder zu Beginn des zehnten Jahrhunderts die ersten karäischen Frommen sich in Jerusalem ansiedelten. Die erste dokumentäre Erwähnung der Karäer Jerusalems stammt aus dem Jahre 928 und findet sich in einem Briefe Ben Meirs, des Zeitgenossen und Gegners des Gaons R. Saadya in Sachen des jüdischen Kalenders. Aus diesem Briefe geht hervor, daß bereits damals die Karäer eine gewisse Rolle in Jerusalem spielten und die Rabbaniten unter ihrer schweren Hand litten. Schon in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts konnte die Jerusalemer Karäer- Gemeinde sich eines sehr regen geistigen Lebens und einer ansehnlichen Zahl von Gelehrten und Schriftstellern rühmen, von denen einige zu den rühmlichsten Namen der karäischen Geistesgeschichte überhaupt gehören. Nicht viel wissen wir über das sonstige Leben der Gemeinde. Sie scheint nicht besonders groß gewesen zu sein, jedoch nicht ohne Einfluß auch auf die rabbinischen Juden Jerusalems, von denen einige sich zum Karäismus bekehrten. Die Frömmigkeit und die Liebe zu Jerusalem waren groß und erzeugten einen 19

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