Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 12 (Oktober 1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 18 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Streit geht um Ursache und Wirkung. Der karäischen Auffassung zufolge soll Anan eben seiner theologischen Anschauungen wegen, die gegen die „Neuerungen" der Talmudlehre gerichtet waren, nicht zur Wahl gelangt sein. Immerhin war die mißlungene Exilarchenwahl der Ausgangspunkt weiterer Streitigkeiten, die bis zum Throne des Kalifen gelangten, der bald Anan begünstigte, bald ihn in Ungnade fallen ließ. Anan soll sich vor dem Tode nur dank einer An- Neue karäische Synagoge in Kairo lehnung seiner religiösen Anschauungen an die zeitgenössische theologisch-scholastische Schule der Mohammedaner gerettet haben. Obwohl die Episode mit der Exilarchenwahl des Anan auf historischer Wahrheit zu beruhen scheint, ist es natürlich falsch, die Entstehung der Sekte lediglich an diese Episode zu knüpfen. Historische Ereignisse — und die Entstehung des Karäertums war eines — haben kategorische Ursachen, denen, sobald das Werk gereift ist, ein Zwischenfall zum Alarmsignal des Ausbruchs werden kann, niemals aber als Ursache anzusehen ist. Außer durch den mohammedanischen und jüdischen Sektengeist der damaligen Epoche ist dies auch durch die Tatsache bewiesen, daß die Anhängerschaft Anans bald nur noch einen kleinen Teil des Karäertums ausmachte und als „Ananiten" von Karäern auch schroff abgewiesen wurden. Ich habe anderwärts (Introduction ä l'Etude des heresies religieuses parmi les Juifs, Paris 1928, pp. I, LI) den Beweis zu führen versucht, daß in dieser Bewegung sich eine Seite des seit protohistorischer Zeit immerwährenden und latent wirkenden Antagonismus in den kulturbiologisch tiefsten Wurzeln des Judentums Geltung zu verschaffen suchte. Es ist uns heute nicht klar, inwiefern das Karäertum als reformatorische oder als konservative Bewegung aufgetreten ist. Immerhin wurde das Karäertum bald zur antitalmudischen Sekte par excellence, wahrscheinlich die früher, gleichzeitig und später entstandenen sektiererischen Gruppen in sich verschlang. Die Nachrichten, den Stifter und die Frühzeit der Sekte betreffend, sind sehr spärlich und wenig zuverlässig. Eigentlich ist nicht einmal der Ursprung des Namens gesichert. Für die Karäer bedeutet er einfach die Leute der Schrift von „qaro — lesen" und „Miqra — die Heilige Schrift", im Gegensatz zu den Rabbaniten, die auch noch an eine mündliche Ueberlieferung, neben der schriftlichen, glauben. Die Rabbaniten dagegen versuchten diesen Namen als die Abtrünnigen, von „qaroa — reißen, abreißen", zu deuten, was wahrscheinlich auf eine spätere polemische Auslegung zurückzuführen ist. Eine andere Auslegung, gleichfalls von karäischer Seite, sucht den Namen der Sekte auf denjenigen einer Ortschaft Kara zurückzuführen. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Kluft zwischen Rabbanismus und Karäismus immer tiefer und unüberbrückbarer und deren gegenseitiger Kampf immer heftiger, besonders in Babylonien und Aegypten. Autoritäten, wie R. Saadya Gaon und Maimonides, Neue karäische Synagoge in Kairo, Innenansicht gehörten zu den heftigsten Bekämpfern des Karäismus. Damals wurde auch das Wortspiel geprägt: „die Risse können nimmermehr ganzgemacht werden", was im Hebräischen auch soviel wie „die Karäer können nimmermehr verbrüdert werden" heißen kann. Tatsächlich bringt es ein aus einer Fülle von Einzelgesetzen entstandener Formalismus mit sich, daß ein Karäer, der von seiner Häresie abkommen und sich zur rabbinischen Lehre bekehren will, früher eine 18