Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 12 (Oktober 1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. A. Z. Aescoly, Jerusalem: Die Karäergemeinde in Jerusalem Seit dem Untergange des jüdischen Staates hat wohl keine im Schöße des Judentums erwachsene Opposition im „normalen" Gang der jüdischen Geschichte eine so bedeutende Rollte gespielt, wie die Sekte der Karäer. Im frühen Mittelalter entstanden, erlebte diese Sekte noch im neunzehnten Jahrhundert ein letztes Auflodern ihres noch kaum glimmernden Feuers und spielte wieder einmal eine leider nicht glorreiche Rolle im politischen Leben der Juden. In der Heimat so vieler Sekten verschiedener Religionen entstanden, im Zwei-Ströme-Land (Mesopotamien), verbreitete die Sekte sich im Laufe von Jahrhunderten nach allen Himmelsrichtungen hin, erreichte Spanien und die Türkei, Nordafrika und Litauen, Aegypten und die Krim. Ueberall wetteiferte die kleine Sekte mit dem Judentum. Bewußt und unbewußt spielte sie mehrmals die Rolle eines Helfers aller Judenfeinde und scheute sich nicht, Trägerin von Rechten und Privilegien zu werden, die nur als Mittel zu größerer Einschränkung der Rechte der Juden, dienten. Bisweilen gab der schroffe Kampf jedoch dem ßJ^M $f [ pmt.....t I mm r «qMHHMpMMI ,<->• tfi i- \ i... „.■■'.; am 1 % WB&v Hffm i £ »w» | Bethaus der Karäer in Halicz (Polen) geistigen Leben des Judentums neue Anregungen. Es war eine Zeit regen Wetteifers zwischen Rabbinern und Karäern auf dem Gebiete literarischer Betätigung, besonders in der hebräischen Sprachforschung und der Bibelerklärung. Die nicht immer edelmütig und taktvoll geschriebenen polemischen Traktate haben heute literar- und kulturhistorischen Wert. Von der Pracht der Gemeinde im Orient ist nicht viel übrig geblieben. Die kleine Gemeinde der Karäer in Kairo verdankt ihr Ansehen viel mehr dem Reichtum ihrer Mitglieder als ihrem kulturellen Leben. In Istanbul, einige Jahrhunderte lang ein Zentrum der Karäer, begann das Absterben der Sekte bereits im neunzehnten Jahrhundert. Das letzte Land karäischer ä-- p s > "V \F in \h f! ii t * K 1 h "m ywnv* Inneres eines ehemals karäiscfien Tempels in Damaskus Konzentration, Rußland, ist durch seinen politischen Status nicht angetan, einer Religionsgemeinschaft zum Gedeihen zu verhelfen. Einige kleine Gemeinden befinden sich in Polen, doch bilden sie nur den ärmlichen Rest einstiger Herrlichkeit. Von der regen geistigen Tätigkeit ist nichts zurückgeblieben. Die Karäer wollen die ersten hebräischen Sprachforscher und Dichter gewesen sein, aber heutzutage gibt es kauirn) einen Karäer, der in der Lage wäre, auch nur einige Zeilen in einem fehlerlosen Hebräisch zu schreiben, weder ein Laie, noch ein Theologe (mit Ausnahme des national-jüdischen karäischen Chachams in Aegypten, R. Abraham Elijahu Cohen). In tiefes Dunkel einer weit entlegenen Vergangenheit ist die Frühzeit der Sekte gehüllt. Rabbaniten und Karäer führen die Urheberschaft auf An an b e n David aus dem Geschlechte der jüdischen Exilarchen im babylonischen Kalifenreich her. Der rabbinischen Tradition zufolge soll die ganze Häresie aus purem Ehrgeiz und Neid entstanden sein, da die damaligen Oberhäupter der Talmudschulen in Sura und Pumbedita, von deren Autorität die Wahl des Exilarchen abhängig war, nicht Anan, sondern seinen minder gelehrten, aber ihn an Frömmigkeit über - ragenden Bruder Chananya für diesen höchsten politischen Posten bestimmten. Diese Tatsache wird von den karäischen Tradenten nicht geleugnet. Der 17