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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 14

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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Und die neue Zeit, die mit den liberalen Ideen des frühen 18. Jahrhunderts beginnt, in der französischen Revolution ihren Höhepunkt erlebt und bis in die heutige Zeit die völlige Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger aufrecht erhalten hat. Unter den letzten römischen Kaisern finden wir eine ziemlich große Verbreitung der Juden in Frankreich. Als Landwirte, Kaufleute und Handwerker, vorzugsweise Goldschmiede und Aerzte, lebten sie mit der gallo-romanischen Bevölkerung in bestem Einvernehmen. Katholische Priester sah man häufig als Tischgäste in jüdischen Familien und Mischehen waren keinesfalls selten. Wenn auch im fünften Jahrhundert Ausschreitungen, wie Zwangstaufen, vorkamen, so waren es vorübergehende Unbilden; unter Karl dem Großen genossen die Juden sogar eine gewisse Bevorzugung, da der Kaiser ihre Klugheit schätzte und selbst seiner Gesandtschaft an Harun al Raschid den Juden Isaak beigab. Sein Sohn Ludwig der Fromme war den Juden womöglich noch günstiger. Von ihm stammt das großherzige Wort: „Der apostolische Glaube befiehlt uns, Gutes zu tun an denjenigen, die unseren Glauben haben, aber er verbietet uns nicht, das Gleiche an denen zu tun, die anderen Glaubens sind." Treu diesen Prinzipien, hob er die Einrichtung auf, welche die Juden, ihr Leben und ihr Vermögen, der Gnade der Christen anheimgaben, verbot die Wasser- und Feuerprobe und die Spezialsteuern, die sie bisher drückten. Bezeichnend für die damalige Einstellung Auf dem Weg zur Synagoge zum Judentum ist der Uebertritt von Ludwigs Hofkaplan selber zur jüdischen Religion. Im 9. und 10. Jahrhundert gründeten die französischen Juden bedeutende Kolonien in Worms, Mainz, Magdeburg und anderen deutschen Städten und unter den ersten Capetingern begannen bald ihre Schulen mit den spanischen zu wetteifern. Ganz besonders ragt aus der Zeit um 1000 der Jude Gerson, „das Licht der Verbannung" genannt, hervor, der Talmud- Kommentare verfaßte und sich für das Verbot der Polygamie und die einseitige Scheidung (nur der Mann besaß dazu das Recht) einsetzte. Und der Weise R. Salomon Jizchaki, unter dem Namen Raschi be- Die Synagoge in der Rue de la Victoire kannt, ist durch seine Talmud- und Pentateuoherklärungen, die bis heute eine unentbehrliche Begleitung zu dem heiligen Text bedeuten, in gewisser Hinsicht der Schöpfer der modernen Bibelauslegung. Mit den Kreuzzügen schließt diese Blütezeit französischen Judentums. Das mittelalterliche Paris, das sich in finsteren engen Gassen um Notre Dame drängte, war ein schmutziger, verwahrloster Aufenthalt. Charakteristisch ist die Tatsache, daß ein Sohn Ludwig VII. in den Straßen von Paris durch einen Sturz vom Pferde getötet wurde, da dieses scheute, als ihm ein Schwein vor die Beine lief. Und Philippe-Auguste, der in der Geschichte des jüdischen Volkes eine so böse Rolle spielen sollte, ordnete erst daraufhin das Pflastern der Hauptstraße an, weil er es am offenen Fenster seines Schlosses vor dem aufspritzenden Schlamm durch die Karren und üblem Geruch nicht mehr ausgehalten hatte. In dieses Paris zwängte sich nun das Ghetto, nahe bei Notre Dame, und die beiden Synagogen lagen in der Umgebung des Greveplatzes, wo die Hinrichtungen stattfanden und die Scheiterhaufen des Mittelalters flammten. 14

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