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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 15

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 15 (sequence 17)
Language
German
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Nach der ersten Judenvertreibung unter Philippe- Auguste im Jahre 1182, welche die ganzen französischen Juden 211 obdachlosen, auf den Landstraßen herumvagabundierenden Bettlern machte, blieb auch nichts mehr von jenem Ghetto stehen. Zwar holte man sie wegen ihrer Unentbehrlichkeit in Geldgeschäften bald wieder zurück, aber das ganze Mittelalter und darüber hinaus ist für die Pariser Juden eine Kette fortdauernder Beschuldigungen, Verfol gungen und Unterdrückungen. Erst am Ende der Regierung Ludwig XIV. kommen die Juden nach der letzten und fast endgültigen Austreibung unter Karl VI. nach Paris zurück. Das Morgenrot einer neuen Zeit bricht an. Die beginnende Aufklärung, Montesquieu und die Enzyklopädisten bereiten auch die künftige Befre'ung der französischen Juden vor, die dann die Revolution von allen Ungerechtigkeiten, den Spezialzöllen, den Berufsbeschränkungen, Heiratseinschränkungen, Verweigerung der Freizügigkeit u. a. endgültig befreit. So gibt es denn, wird man fragen, im heutigen Paris gar kein Ghetto mehr oder wenigstens die Spuren der ehemaligen, immer wieder vernichteten? Zwischen der R u e' Vi e i 11 e du T e m p 1 e und. dem Marchc des Blaues manteaux liegt d£s jetzige Ghetto, das;nvar niemals am Abend ver- Citronenverkäufer auf dem „PläfjeC schlossene Gitter gesehen hat, aber trotzdem eine fast ganz rein jüdische Einwohnerschaft beherbergt. Seit den russisch - polnischen Pogromen unter Nikolaus IL haben sich die jüdischen Flüchtlinge seit etwa dreißig Jahren hier ein Städtchen für sich gegründet, das sich um eine kleine Marktecke, das sogenannte „Plätzel" gruppiert. Ueberall hört man jiddisch. In den auffallend häufigen Buchhandlungen liegen jiddisch und hebräisch gedruckte billige Heftchen und besser gebundene Bücher auf, bei der jüdischen Musikliehe begreiflicherweise viele Noten und Grammophonplatten. Alle Ladenaufschriften sind erst hebräisch und dann französisch auf die Scheiben gemalt. Auf den engen Straßen ist lebhafte Bewegung. Alte Mütterchen, die traditionelle Perücke auf dem Kopf, schleichen mit ihren Markttaschen zum „Plätzel'', wo Das „Pläfjel" große Tonnen der im übrigen Paris nicht erhältlichen Salzheringe auf den Straßen stehen ii;d Gruppen typischer Gestalten im Kaftan und langen Bärten disputieren. Ein paar charakteristische Typen trifft man dort täglich an. Da ist der Aelteste des Plätzeis, der weißbärtige, würdige Lehrer des Talmud und des Hebräischen in der alten Schul der Rue Pave, der schon vierzig Jahre immer das gleiche Haus bewohnt und besser als alle anderen über die kleine Stadt Bescheid weiß, ferner der malerische Typ eines Zitronen- und Zwiebelhändlers und eine Alte, die nichts als einen einzigen Brief Sicherheitsnadeln zu verkaufen hat. Wenigstens zeigt sie nie mehr vor. Eine Spezialität dieses Ghettos sind die vielen ausgezeichneten Bäckereien, die sich eines solchen Rufs für zartes Weißbrot und jüdische Kuchen - - Kirsch- und Mohnkuchen besonders — erfreuen, daß aus den entferntesten Gegenden der Stadt eine getreue jüdische und christliche Kundschaft zwei- und dreimal wöchentlich zum Einkauf in die alten und gewiß nicht sehr geräumigen Gassen kommt. Das alte israelitische Asyl, das zu Anfang auch am Plätzel in der Rue de Figier gelegen war, ist nun in großem Ausmaß an den Montmartre verlegt worden. Das große Gebäude nimmt Obdachlose und Durchreisende vierzehn Tage unentgeltlich mit Beköstigung auf und auch eine Kinderpflege-Station befindet sich im gleichen Hause. Daß sich um dieses Asyl eine zweite kleine jüdische Kolonie geschart hat, ist begreiflieh, aber sie ist neueren Datums und weniger charakteristisch. Auch das Quartier von Belleville an den Buttes Chaumont, dem großen gebirgigen Volkspark von Paris, ist fast ein kleines 15

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