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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 11

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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und vermeint, daß ein rasches und brutales Zugreifen, das keine Hemmung kennt, die Ordnung und Unterordnung mit einem Male erzwingen kann. Und jede feste Ordnung wird als die Sicherung ruhigen und steten, ja e w igen Glückes angesehen. Fühlt sich jemand unter uns ganz frei von diesen Wirrgängen der Sehnsucht? Wir lachen über die Beamtenseele, die mit wenig zufrieden ist, wenn es sicher ist, wir wüten gegen Bestialität, die sich an uns austoben will, aber — Hand aufs Herz —, wir sehnen uns nach Gleichem, wir sind ebenso geneigt, Fanatikern zu glauben, Demagogen zu vertrauen, Versprechungen ungeprüft als wahr zu nehmen und uns freiwillig zu unterordnen, sogar dann — wir Juden —, Wenn man uns ganz und gar nicht freundlich gesinnt ist. Je schärfer die Bindung und der Zwang, desto lieber unterwerfen wir uns, wenn man unsere Unterwerfung nur gelten 1 ä 151. Aber man sollte tiefer in uns horchen und hören, was wir denn wirklich ersehnen. Das Verlangen nach Ordnung im äußeren Leben, nach Ruhe des Daseins und Sicherheit der Existenz ist der äußere Widerschein unserer Sehnsucht. Die Sehnsucht selbst sucht bei sich selbst, in der eigenen Seele das Zuhause, sie sucht eine Bahn für das Leben im Innern, sie sucht Wege des Wissens um sich selbst und des Glaubens an den Sinn des Daseins. Sie sucht vor allem ein Plätzchen für Zufriedenheit und Glück. Der Mensch will sich bei sich selbst in den Spiegel sehen können und im Anblick seiner selbst das Glück der Zufriedenheit und Ruhe empfinden. Der Mensch will die Bindung an andere Menschen, denen er vertrauen möchte, wie sie ihm vertrauen. Wenn er in sich selbst sieht, will er auch die Menschen, die ihm lieb geworden sind, mit sich vereint wissen und in seiner Phantasie leibhaftig erblicken. Das Aeußere des Lebens soll sich in den Träumen der Phantasie abspiegeln und verinnerlichen, erleben lassen. Die Arbeit um das tägliche Brot will mit Daseinsfreude verbunden werden, da sie sonst ihren Sinn nur im betäube n d e n, nicht im erlebenden Genuß finden kann. Der Mensch will sich betäuben, solange er nicht erleben kann, solange der Genuß nur Stunden tötet und nicht in Zufriedenheit satt wird. Der Heißhunger nach Politik und nach Geltung und nach Geld beginnt aber bereits zu schwinden. Das führende Wort geht sichtlich auf starke Männer über, die wirklich herrschen und einfach Ordnung, reine Ordnung erzwingen. Mit kalter Hand lehren sie, daß die Ordnung im politischen Leben nur äußere Ruhe im Kampf ums Dasein bringen kann. Der Machtkampf der Politik kann dem Seelenleben des Menschen unmittelbar nichts bieten. Mit sanfter oder rauher Gewalt wird der politische Fanatismus, der es recht gut gemeint hatte, in engste Schranken gewiesen und unversehens stehen wir vor einer Mauer, wo wir doch gerade hier die Freiheit in vollen Zügen genießen wollten, um! als freiwollende Menschen über uns eine Ordnung der Zufriedenheit zu verhängen. Die Ordnung wird von starker Hand ohne unser Zutun v e r. f ü g t und wir werden auf unser Hei m, u 11s e r Gemeinschaftsleben und unser eigenes Innenleben zurückverwiesen. Wenige wissen um diesen Tatbestand Bescheid, obwohl wir ihn alle gemeinsam erleben. Aber es regt sich in uns ein Wunsch nach Stille und nach Glück, eine Abkehr von der Rastlosigkeit und Betäubung und nach Aufhellung in uns. Wohin wir nunmehr gehen werden, können wir nicht wissen. An unserem Lebensabend werden wir Rückschau halten auf eine Zeit größten und stärksten Geschehens. Dann werden wir vielleicht bereits erkennen, daß die Menschlichkeit neu erwacht war. Heute sollten wir nur eines verstehen: Je größer der Zwang im äußeren Leben, desto ehrlicher und verstehender im privaten Leben. Vergessene Güter, wie Liebe und Treue, Bekennen und Verstehen, Fordern und Empfangen gewinnein an Bedeutung und an Raum in unserem Leben, da unser Verlangen nach Ordnimg von anderen erfüllt wird. Wir werden wieder glauben lernen und im Glaubein an uns und an das Glück der Zufriedenheit den Sinn unseres Daseins suchen und finden. Das Leben ist düster geworden, aber innen wird es helle. D. L. ALFRED WERNER 'nnöer einer in Co o7 I v_ >rem Cv.s/ -a el Wie stehst du sto'z auf solcher Erde, stark, die scharfe Sense schärfend vor der Mahd, mag auch dein Land noch störrisch sein und karg, bringt es doch vielfach wieder deine Saat, Denn dies Geschlecht ist unversehrt im Mark, uralte Sehnsucht fand den rechten Pfad zu Gott — die andern sind sich selbst ihr Sarg, dem Unkraut gleichend, das dein Fuß zertrat. Des Boas Tage kehren wieder, Ruth, die Aehrenleserin, wird Mutter sein des neuen David, der die Feinde schlägt, Dies Erdreich aber, das so edles Blut getrunken, bleibt nicht länger Stein, wird Acker, der des Glaubens Weizen trägt! 9 \v™ 11

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