Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 12 (Oktober 1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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DÄMMERUNG Das Wort ,.Umbruch" stammt nicht von unseren Freunden und ist kein schönes Wort, aber es bringt empfindungsmäßig eine Tatsache zum Ausdruck, die jedem unter uns auch geläufig ist. Ein Wandel vollzieht sich, ein neues Werden, natürlich auch ein Absterben, das dem Neuen Platz machen muß. Was unsympathisch ist an dem Wort „Umbruch'', ist der Bruch, an dem dieses Wort anscheinend seine Freude hat. Es soll nicht p 1 ö t z 1 i c h Altes sterben und Neues werden; so wollen w i r den Wandel erlebejn. Wir wollen erleben, wie Neues wird, wir wollen nicht triumphieren, daß sich in uns und mit uns ein Bruch mit allem Gewesenen vollzieht. Denn wenn wir ehrlich sind, dann spüren wir das Werden, aber wir verstehen keineswegs allwissend, was es ist und was es sein wird. Also kein Umbruch, sondern Wandlung und Werden. Darum halten wir gerne, meist für uns ganz allein und verschwiegen, Rückschau in uns und um uns. Wir Juden waren das Volk tiefster Religiosität gewesen und hatten einst unser ganzes Leben mit festen Regeln umgeben, die uns Tag für Tag, oft Stunde für Stunde an Gott und unsere Geschichte, an unseren Glauben als Väterglauben erinnert haben. Aus diesem festgefügten Leben erwuchs immer wieder das unverrückbare Bewußtsein von Tradition der Jahrtausende und das Gefühl, Erlösung im Leben des jüdischen Volkes zu finden. Solange auch die christliche Umwelt in festen Bindungen gelebt hatte, war auch das streng gebundene Leben der Juden selbstverständlich und unter uns unangefochten. Allmählich lösten sich die Bindungen und wurden zu Fesseln. Europa strebte ins Weite, die Wirtschaft verlangte nach freier Entfaltung, die Wissenschaft trat mit einem Selbstbewußtsein auf den Plan, das nichts Gleichwertiges neben sich dulden wollte, und die Tradition sank bedenklich im Werte. Das Zauberwort „Freiheit" nahm alle Menschen gefangen. Man sehnte sich nach Ungebundenheit und Freizügigkeit und nach voller und uneingeschränkter Wertung des einzelnen Menschen. Loslösung von Bindungen, Befreiung von Fesseln, „Emanzipation'' für sich, Duldung (Toleranz) für den Anderen, dahin ging Sehnsucht und Verlangen. Die revolutionären Geschehnisse des Jahres 1789 und der folgenden Zeit bis zum Jahre 1848 waren aufwühlend und oft auch verheerend. Auch damals! wollte man einen plötzlichen „Umbruch", aber die Entwicklung wollte und konnte den Stürmern nicht folgen. Mit Rückschlägen und Fortschritten erzwang sich das Verlangen nach Freizügigkeit langsam Bahn und nahm die Juden mit in den Freiheitsstrom. Von da an fielen in vielen Siedlungen der Juden die jahrtausendealten Bindungen. Das Judesein wurde aus dem öffentlichen Leben und den äußerlichen Bedingungen des Daseins verdrängt und in die religiöse Innerlichkeit zurückverwiesen, es wurde zur internen Angelegenheit des jüdischen Privatlebens und das Judentum organisierte sich neu als religiöse Gemeinschaft. Heute, eineinhalb Jahrhunderte nach dem Umbruch zur Freizügigkeit ist das jüdische Leben in unveränderter Gärung und Entwicklung begriffen. Die großen Ereignisse in der Umwelt, mit der die Juden verbunden sind, haben neue Bindungen entstehai lassen und zeigen eine Rückläufigkeit des Empfindungslebens. Die Freizügigkeit des Gedankens und Empfindens sucht Anlehnung an umfassende Ideen und Ideenformen, an ein Gebäude des Innenlebens, das solchen Halt gewährt, wie Gehalt und Rente und Pension die Existenz des Lebens sichern soll. Man strebt nach Ordnung im äußern Dasein und nach Ruhe und Gewißheit bei sich zuhause. Die Menschen werfen sich Ideen zu Füßen, die Halt versprechen und Ordnung verheißen, ohne sich verpflichtet zu fühlen, die Versprechungen und die Ideen zu prüfen. Die Sehnsucht nach dem Halt und dem Zuhause ist so stark geworden, daß man mit allem Bisherigen brechen will, um frei von der Vergangenheit ins neue Leben einzutreten. Eine herrliche Zeit für Demagogen und Fanatiker ist angebrochen. Wer in die Menschen hinein horcht, hat heute Aussichten wie schon lange nicht, Anhänger zu gewinnen und festzuhalten, auch wenn er von ihnen die schwersten Opfer fordert. Ja, wenn er seine Forderungen maßlos steigert und Maßloses an Neu-„Ordnung" verheißt, dann zieht er die Menschen, wohin er will, auch in ein Chaos, dann folgen sie mit einer fanatischen Begeisterung geradenweges ins Verderben und glauben mit Inbrunst, aus Tod und Elend werde Glück und Sicherheit emporsteigen. Die Blindheit des Fanatismus der Gegenwart entspringt einer sehr echten Sehnsucht nach ruhigem Glück. Immer ist es das Verlangen nach Ruhe, nach geordnetem Dasein, nach Unterwerfung unter feste Bindungen, aus dem die wirrsten und traurigsten Ereignisse entstehen. Die Bestialitäten dieser Tage werden mit oft ganz unfaßbarer Reinheit des Glaubens vollführt, mit feurigem Herzen und reinem Sinn. Die Zügellosigkeit der Bestialität empfängt ihre vernichtende Kraft aus einem Wunsche nach strengster Ordnung und Unterordnung, denn sie glaubt sich knapp vor dem Ziel 10